Reise

Von Perpignan bis Narbonne fahre ich mit der aufgehenden Sonne zwischen rosa beleuchteten Bergen links und golden schimmerndem Meer rechts, während Arien aus Bizets Carmen durch meinen Kopf jubeln. Ich spüre eine tiefe Liebe zu meiner Heimat, bevor ich sie in Richtung Norden verlasse und weiß plötzlich nicht mehr, weshalb das sein muss.

Für 14€ fliege ich von Toulouse nach Berlin. Das allein ist schon verrückt genug. In Berlin dann gut angekommen, warte ich eine Stunde auf dem Hauptbahnhof auf meinen Zug. Für eine simple Currywurst, die ich gern aus nostalgischen Gründen gegessen hätte, will man 3,90€ von mir. Das Geld bekommen sie nicht.  Ich sitze auf einer von vielleicht drei Bänken und beobachte, wie die Menschen, ihre Koffer auf Rollen hinter sich ziehend, in Läden schauen, nach Produkten suchen und ihre Blicke auf Smartphones richten. Ein großer Mann wuchtet seinen Rollenkoffer auf die Bank, stopft etwas hinein, wuchtet ihn wieder herunter ohne mich überhaupt zu sehen und hetzt weiter. Geländer, Säulen, Glaswände sind mit Glitzerketten behängt. Die Menschen bewegen sich schnell und nahezu sprachlos hindurch. Ab und an kommuniziert einer mit seinem Phon, lacht in sich hinein oder richtet seine Kopfhörer und läuft dann weiter.

Die Menschen sehe ich vereinzelt, sprachlos und steril. Sie passen sich in ihren Bewegungen den Maschinen an, stehen stumm, während Rolltreppen sie nach oben oder unten transportieren. Nur im Laden gegenüber höre ich ab und an: Neun € siebzig bitte. Danke. Einen schönen Abend noch.

Kein Geschwätz, kein Lachen, kein Weinen, kein Singen. Bald werden sie das Sprechen verlernen, sich mit Maschinen durch Zeichen verständigen. Irgendwann dann werden Maschinen Menschen für überflüssig befinden. Darüber ist ja nun schon genügend geschrieben worden.

Mein Sohn schreibt aus der Südsee. Ein Insulaner meinte, die Menschen in der Zivilisation haben immer mehr und werden immer unglücklicher. Er will auf eine einsame Insel ziehen und dort von Fischen und Kokosnüssen leben. Dort geht das.

 

 

 

 

 

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Eine Tochter, wie man sie sich nicht wünscht

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Dieses Foto wurde anlässlich der Einschulung meiner älteren Tochter 1982 in Berlin Friedrichshain aufgenommen. Zu sehen sind T. neben ihrer jüngeren Schwester D., dahinter meine Großmutter, die Uroma der beiden. Auffallend ist noch der Schulhof in seiner ganz gewöhnlichen Kargheit, nicht einmal eine Bank war dort aufgestellt, das war normal.

Auf den ersten Blick ist zu erkennen, dass die beiden Mädchen recht unterschiedlich waren. Beide haben denselben Papa und dieselbe Mama, was ich erwähnen möchte, weil damals Nachbarskinder erzählten, wir hätten unsere erste Tochter adoptiert, so auffällig war ihr Anderssein in der Familie. Doch nicht nur in der Familie war sie anders, sie war es überhaupt.

Im zarten Alter von drei Jahren schockierte sie Menschen mit Ausrufen wie: „Wat issn dit hier für `ne Scheiße!“ beim Anblick eines Vögelchens. Das war der Beginn einer Außenseiterkarriere, die bis heute anhält. Als sie vier war, zeigten die alten Frauen in der Straße mit Fingern auf sie und riefen sich zu: „Da isse wieda!“ oder „Die iss das!“ Mein kleines zartes Töchterchen setzte sich nachmittags beim freien Spiel auf dem Hof und auf der Straße dadurch in Szene, dass sie Büsche entlaubte, in Müllcontainer kletterte, um unter dem Gejohle aller Kinder Flaschen und Gläser auf den Asphalt zu schmettern oder die ganze Bande beim Einreißen der Zäune auf dem Hof anführte. (Damals war es üblich, die Kinder nach der Schule, nach dem Kindergarten und am Wochenende draußen ohne Aufsicht spielen zu lassen.) Was auch geschah, man konnte sich sicher sein, dass sie eine Möglichkeit fand, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

Bald hatte sie bei einigen Kindern Hausverbot, weil sie dort Schmuck und Geld zu stehlen suchte. Als sie fünf war, erbettelte sie sich Süßigkeiten und Nutella-Brote, indem sie erzählte, sie bekäme daheim nichts zu essen. Bei mir aß sie dann auch nichts mehr, ich bestand ja schließlich auf Gemüse, Obst und Käsebrote, Sachen, denen eindeutig der von ihr bevorzugte süße Geschmack fehlte. In meiner Harmlosigkeit dachte ich, es wäre noch kein Kind vor dem vollen Teller verhungert und wartete erst einmal ab. Nicht lange, dann standen wütende Nachbarn vor meiner Tür, die kamen, um mein armes Kindlein zu verteidigen. Wie kann ich Rabenmutter es nur wagen, ihr nichts zu essen zu geben?

Das war der Moment, wo ich sie hätte verhauen sollen, denkt es heute in mir, ich aber ging mit ihr zu einer Kinderpsychologin. Diese stellte dann nach einigen Stunden fest, dass meinem Kindlein tatsächlich etwas fehlt: Sie erkennt nicht den Zusammenhang zwischen dem, was sie tut und den Folgen, die daraus entstehen. Dass diese Diagnose richtig ist, sollte sich im Folgenden immer wieder bestätigen.

Lange bevor sie in die Schule kommen sollte übte ich mit ihr die Farben, das einfache Zählen und das Lesen der Uhr. Alle Bemühungen waren vergebens. Die zwei Jahre jüngere Schwester war der großen in allem überlegen. Sie konnte nicht nur zählen, sondern spielte einfache Brettspiele und Lieder auf der Triola (das war eine Art Plastikflöte). Ohne zu zögern hätte ich die jüngere statt der älteren eingeschult. Meine Bedenken waren groß, aber alle Kindergärtnerinnen sahen T. Zukunft optimistisch und ich dachte, sie hätten die Erfahrungen, sie müssten es wissen. Eine Alternative gab es sowieso nicht. Die Schule wurde dann ein wahres Desaster. Mein Kindlein lernte nichts. Dafür wurde sie ärgerlich auf die Lehrer, die ihr immer schlechte Zensuren gaben, „weil sie sie nicht leiden konnten“, wie sie dachte. Es war ihr auch durch endlos wiederholte Erklärungen nicht beizubringen, dass sie wegen ihrer Fehler schlechte Zensuren erhielt.

Auch nachdem sie eine Klasse wiederholte, wurde nichts besser. Als wieder einmal einer ihrer Lehrer beim Hausbesuch mein Sofa abwetzte, erklärte ich diesem, dass ich dem Kind und mir nicht mehr alle Freizeit dadurch verderbe, indem ich ständig mit ihr lerne und Hausaufgaben mache und, dass das sozialistische Bildungssystem nicht für mein Kind geeignet ist. Dieser wurde blass, schnappte nach Luft, erklärte, er könne das jetzt aber nicht so stehen lassen, erhob sich und ging. Wie jeder wusste, war das sozialistische Bildungssystem das Beste überhaupt, wie ja auch die sozialistische Gesellschaft die bessere war!

Einige Tage lang befürchtete ich das Schlimmste für mich und dann wurde ich tatsächlich in die Schule bestellt. Dort eröffnete man mir, die Schule werde ab sofort eine Lehrerin für mein Kind freistellen, um mit diesem täglich zu üben. Damit würde man mir beweisen, dass es allein an mir liege, dass das arme Kind nichts lernt. Ich war froh, das guten Ausgangs für mich und hielt mich mit meiner Meinung zurück, dass dies nichts nützen wird. Sechs Wochen hielt die Lehrerin durch, dann wurde das Experiment wegen Wirkungslosigkeit abgebrochen. Mein Kindchen hatte nun Narrenfreiheit in der Schule. Sie konnte machen, was sie wollte und wurde irgendwie durchgeschleust. Ihr Sozialverhalten aber blieb problematisch.

Beim Kindergeburtstag weigerte sie sich mit den eingeladenen Kindern zu spielen, um am nächsten Tag auf der Straße vor den Nachbarn zu weinen, weil keiner mit ihr gespielt hätte. Irgendwann spielte dann wirklich niemand mehr mit ihr.

Stiegen im Frühjahr die Temperaturen, beharrte sie auf das Tragen ihrer Winterkleidung, während sie im Herbst keine wärmeren Sachen anziehen wollte. So manches Mal sprachen mich die Leute an, um mich darauf hinzuweisen, dass eine warme Pudelmütze im August doch nicht die richtige Bekleidung sei. T. wusch sich nicht, sie zog auch mit 11 Jahren noch ihre Pullover links herum an und zog die Schlüpfer fast bis zum Hals hoch. Jeden Morgen kämpfte ich einen erschöpfenden Kampf, um dieses Kind einigermaßen normal in die Schule entlassen zu können. Jeden Morgen war ich schon früh völlig fertig. Bis ich es sein ließ, nicht mehr eingriff und sie auf die Straße ging, wie sie nicht hätte schlimmer aussehen können. Meine Erwiderung „Du stinkst ja auch!“, nachdem sie weinend aus der Schule kam und schluchzend erzählte, die anderen Kinder würden sagen, sie stinkt, brachte sie dann doch dazu, sich wenigstens äußerlich einem Mindestmaß an Normalität anzupassen. Doch es blieb problematisch. Sie hatte keine Freundinnen und niemand wollte etwas mit ihr zu tun haben. Auch ihr Vater war nach der Scheidung froh, dass er sie nur ein Mal im Monat zu sehen brauchte.

Die jüngere Schwester wurde irgendwie alleine groß, da meine ganze Aufmerksamkeit auf die ältere gerichtet war. Freunde von mir hielten T. für behindert und rieten mir, sie in der Charité in Berlin vorzustellen. Ich aber wollte nicht, dass das kleine Kind unter Medikamente gesetzt wird oder in eine Anstalt kommt. Vielleicht war das ein Fehler.

Auch heute hat sie mit nun 40 Jahren keine Freunde. Heute…das heißt nicht erst seit heute, sondern seit vielen Jahren, erzählt sie jedem, ich hätte sie nicht geliebt, sondern nur ihre Schwester, sie hätte als Kind nichts zu essen bekommen, sie hat als Kind nicht die Toilette benutzen dürfen, so dass sie aus dem Fenster machen musste…

Vor einigen Jahren brach ich den Kontakt zu ihr ab. Es war und ist sinnlos, mich um sie und ein gutes Verhältnis zu bemühen. Über 35 Jahre lang stand sie im Mittelpunkt meiner Aufmerksamkeit und das ist einfach zu lange. Seit ich sie nicht mehr sehe, geht es mir wesentlich besser…

 

 

 

Der Besuch ist weg…

…Freunde und Familie abgefahren, weggeflogen. Die Wohnung ist verwüstet, die Katzen verwirrt, der Fußboden klebt, Tisch und Streichholzschachtel, das Kind liebte Marmelade…

Glücklich erschöpft sind Tiere und Mensch. Aufräumen, Bett abbauen, Möbel auf alte Plätze stellen, Fußboden wischen, völlig belanglose Musik hören, das Gehirn nicht mehr mit geistreichen Gesprächen anstrengen und die Vergangenheit wieder ruhen lassen.

Erschöpft und gestärkt gehe ich aus den vergangenen Wochen hervor, dankbar für das was ist, hervorgegangen aus dem was war. Und plötzlich ist mir, als tue sich eine neue Zukunft auf…Ich höre den AB ab, jemand fragt mich, ob ich dort dannunddann ausstellen möchte…

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Auf der Post

Neulich ging ich zur Post, um ein kleines Päckchen in die Südsee zu schicken. Es würde nicht ganz billig sein, dachte ich und wollte nicht mehr als acht Euro ausgeben. Mit der Frau am Schalter begann zuerst eine längere Diskussion darüber, wo denn das Ziel der Reise liege, schließlich waren weder eine Postleitzahl angegeben, noch ein Land, welches man gewöhnlicher Weise zu kennen pflegt. Auch Papua-Neuguinea als Nachbarstaat schien ihr nicht vertraut. Letztlich einigten wir uns auf ein Ziel, das nicht genau der Adresse entsprach, doch auf ihrem Computer zu finden war. Postleute sind im Allgemeinen erfinderisch, dachte ich, was das Zustellen von Sendungen betrifft. Ich habe jetzt einfach mal großes Vertrauen.

Sie wog das Päckchen und teilte mir mit, dass es 16,70 € koste. Daraufhin sagte ich, das sei zu teuer, da sei schließlich nur ein Buch drin, dann schicke ich es nicht ab. Ach, da ist nur ein Buch drin? sagte sie, dann kostet es nur 4 €.

Ich liebe Südfrankreich!

…und nun bin ich gespannt, ob es wohl ankommen wird.

 

 

 

Der Tempel von Damanhur…ich habe selten etwas Schöneres gesehen…

…erst durch eine Freundin erfuhr ich vor etwa einem Jahr von der Existenz von Damanhur. Sie war dort gewesen und hatte im Tempel meditiert. Dort sollen Zeitreisen stattfinden, sagte sie unter anderem. Ihre Begeisterung brachte mich dazu, nach Informationen im Netz zu suchen und was ich fand, enttäuschte mich, ich fand nicht wirklich viel und viele meiner Fragen blieben offen.

Damanhur ist eine Anlage in der Nähe Turins, die von einer Komune erschaffen wurde, deren Mitglieder aus der ganzen Welt kommen. Das beeindruckendste Objekt ist eine Tempelanlage, die sich unter der Erde erstreckt und eine Tiefe von 11 Stockwerken erreicht. Die gesamte Anlage soll heimlich per Hand und ohne Maschinen in die Erde gegraben worden sein. Ob das stimmen kann, darüber möge jeder selbst entscheiden. In folgendem kurzen Film kann man diese Anlage anschauen. Ich habe selten etwas Schöneres von Menschen Geschaffenes gesehen…und das ist nur ein Film.

…und noch weitere Informationen dazu:

…und ein Interview zu den Zeitreisen, die in Damanhur stattfinden sollen:

 

Heute will ich hassen…

…heute will ich hassen…sonst verbiete ich es mir, sonst bin ich friedlich…denke ich…heute aber nicht…ich bin wütend und will es sein, ich fauche und knurre und schreie in den Wald hinein…ich bin sehr wütend…Heute bin ich nicht lieb, ich bin nicht vernünftig, ich bin nicht spirituell….und wie gut das tut…

Ich renne in den Wald, die großen Bäume wundern sich, sie stehn still und warten…ich hasse euch, rufe ich, ich hasse! Ich hasse…den A und ich wünsche ihm die Pest und den Ruin, und den Untergang, soll er seine Arbeit verlieren, seine Erbschaft sich als ungültig heraustellen, soll sich alle Krankheit auf ihn senken, ihn behindern und schwächen, soll seine Frau ihn verlassen, er an Krückstöcken gehen, seine Nachbarn ihn bespucken…soll sein Haus abbrennen…Du alle Schmach der Welt…mach mich glücklich, indem du ihn unglücklich machst…und ich darf das denken, fühlen tue ich es sowieso…Dann gehe ich in den Garten und stelle einen riesengroßen Blumenstrauß für meine Nachbarin zusammen. Als ich zu ihr komme, hat sie zwei Stiegen voller reifer Aprikosen für mich…

Das Leben ist schön…

 

 

 

 

Was einen mit Nachbarn passieren kann

Alle Menschen in meinem näheren Umkreis, die ich grüße, mit denen ich ab und an ein paar Worte rede, über das Wetter und, „na, kommen denn Ihre Kinder diesen Sommer?“ usw., nenne ich meine Nachbarn. In diesem Sinne habe ich eine Nachbarin, die ich manchmal auch besuche. Sie lebt mit ihrem Mann zusammen, der doppelt so alt wie sie ist. Als der überneunzigjährige vor kurzem krank danieder lag, schaut ich immer mal wieder vorbei, um zu schauen, wie es ihm und ihr geht.

Nun ist er wieder obenauf. Da teilte sie mir mit, dass sie gerade die Flugtickets gekauft hat und für drei Monate wegfahren wird. Ob ich während der Zeit bei ihrem Mann saubermachen kann und ja, im Dorf fährt er noch selber Auto aber weiter weg nicht mehr…usw. Das bedeutet, ich müsse einkaufen fahren für ihn, ihn zum Arzt fahren, zur Apotheke und bei ihm wachen, sollte er wieder keine Luft bekommen usw. Ich muss etwas verblüfft geschaut haben, denn sie fragte, was ich dafür haben wolle… Noch bevor ich irgendwie antworten konnte, da ich erst einmal meinen heruntergefallenen Unterkiefer einfangen musste, klopfte es an die Tür und weitere Besucher kamen, die nach seinem Befinden sehen wollten. Das gab mir die Gelegenheit, mich erst einmal zu verabschieden.

Daraufhin rief ich sie an, um ihr zu sagen, dass ich die Pflege ihres Mannes während der drei Monate nicht übernehmen kann. Sie reagierte, in dem sie mir sagte, sie hätte solch Vertrauen zu mir gehabt! Das wäre keine Frage des Vertrauens, sagte ich. Worauf sie sagte, ich würde sie mit meiner Entscheidung traurig machen.

Ich bin immer noch verwundert. Eine Frau, die ihren sehr alten Mann, der gerade fast gestorben wäre, plötzlich drei Monate alleine lassen…und einer im Grunde Fremden überantworten will… Ich jedenfalls übernehme nicht die Verantwortung für diesen alten Herren, den ich nicht einmal wirklich kenne.