Ich bin eine Heldin

Es regnete. Es regnete den ganzen gestrigen Tag und die Nacht. Heute Vormittag regnete es immer noch. Das ist sehr gut so, der Regen wird gebraucht, um die Wasserreserven wieder aufzufüllen. Heute Morgen beschloss ich, den Garten zu verlassen, weil alles triefend nass war.

Nun muss man wissen, dass ein kleiner unbefestigter Feldweg von der Straße in meinen Garten führt, der bei jedem Regen sich in einen schlammigen Pfad verwandelt. Seit vielen Jahren arbeite ich daran, diesen schlammigen Pfad auch bei Regen befahrbar zu machen. Durch unermüdlichen Einsatz ist mir dies gelungen. Das heißt, während der trockenen Jahreszeit kippe ich Steine in den Weg, die vorher natürlich gesammelt werden müssen. Das hält mich in Bewegung, stärkt die Muskeln und  lässt mich jung bleiben.

Seit einigen Jahren kann ich den Feldweg zu jeder Jahreszeit befahren. Das freut nicht nur mich, sondern auch die Jäger. Sie haben natürlich Jeeps mit Allradantrieb. Doch so ein feiner Weg lässt auch sie nicht unberührt, denn seit mein Weg gut instand gesetzt ist, fahren sie diesen täglich, um die Schweine im Wald zu füttern. Dies tun sie, um die Tiere in Schussweite zu behalten. Da Schweine kluge Tiere sind, ziehen sie sich normalerweise mit Beginn der Jagdsaison in die höheren Berge zurück. Allein die feinen Maisgaben der Jäger lassen sie in Reichweite verweilen.

Nun fahren also die Jäger täglich meinen schönen Weg entlang, den ich mit so viel Liebe und Arbeit hergerichtet habe. Wie Du Dir jetzt schon denken kannst, nimmt der Weg dadurch Schaden. Heute also war es soweit. Ich blieb mit meinem Auto stecken. Es hat natürlich keinen Allradantrieb. Eine Stunde lang kämpfte ich im Regen. Der Schlamm spritzte, so dass das Auto sich kaum noch von seinem Untergrund unterschied, ich übrigens auch nicht. Ich wollte fast schon aufgeben, da gaben die widrigen Umstände nach und ließen mich ziehen…

Jetzt lasse ich mir Badewasser ein…

 

 

 

 

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24. Januar

Bei 4°C und 85 kmh Windgeschwindigkeit geht niemand gern ins Freie. Auch dass Windböen die 100 kmh überschreiten bringt wenig Vergnügen. Doch die Sonne scheint. Eine Weile schaue ich vom sicheren Platz neben dem Ofen auf sonnige Berghänge. Dann ziehe ich mich entschlossen an. Wenigstens den Fluss entlanglaufen und schauen, was dort die letzten Tage passiert ist. Draußen dann ist es wirklich kalt. Unter den Bäumen liegt totes Holz, vom Wind gebrochen, das ich mitnehme.

Nach meiner ersten Tour sitze ich wieder neben dem Ofen, esse einen Apfel und schaue aus dem Fenster. Die sonnenbeschienenen Flächen haben sich seit Weihnachten ohne Zweifel vergrößert. Manchmal piepst ein Vogel schon frühlingshaft. Und die Sonne wärmt, wäre der Wind nicht, würde man sie spüren.

Dieses Jahr werde ich mir ein Folienzelt bauen. Dann können Salat, Radieschen und Kohlrabi früher gesät und geerntet werden. Später dann kann ich Paprika und Auberginen hineinpflanzen. Durchsichtige Folie habe ich schon. Ich mache eine Zeichnung, bei vier Metern Länge und zwei Metern Breite müsste ich mit 30 Haselnussstecken hinkommen.

Wenigstens drei Haselnussstecken könnte ich heute schneiden, versuche ich mich zu motivieren, doch noch einmal hinauszugehen. Wenigstens drei, das ist nicht viel. Also ziehe ich mich nochmals an. Am Ende des Tages habe ich mehr als 30 Stecken geschnitten – sie sind immerhin um die sechs Meter lang –, einen riesigen Berg Holz gesammelt und einiges an Müll aus der Landschaft entfernt.

 

Wasser

 

Wasser.

Ringsum plätschert leise Wasser bis zum Horizont, wo es langsam heller wird und sich unauffällig mit dem Himmel eint. Überall schwappen kleine graue Wellen unermüdlich vor sich hin. Nirgendwo gibt es klare Grenzen und irgendwo weit hinten hat das Grau die Sonne verschluckt und will sie nicht mehr zeigen, nie mehr.

Gleichgültig dümpelt es leise. Sie dreht sich in alle Richtungen und ihre Augen treffen keinen festen Gegenstand. Nirgends, nur Wasser, Luft und schwammige Wolken. Doch! Von rechts kommt langsam ein Haus geschwommen! Es ist ein hübsches Haus, weiß getüncht mit einem roten Ziegeldach in dessen Mitte ein Schornstein steht. Etwas Rauch steigt auf, feiner weißer Rauch. Zu beiden Seiten der blau gestrichenen Tür befinden sich Fenster mit ebenso blauen Fensterläden und davor wachsen rote Geranien in Blumenkästen. Ein einfacher Holzzaun umgibt das Haus. Es ist hübsch anzusehen. So malte sie als Kind immer die Häuser.

Es steht auf einer Schilfmatte. Wie merkwürdig, dass eine einfache Schilfmatte ein ganzes Haus tragen kann, denkt sie.

Kann sie ja nicht! Die Schilfmatte kann kein ganzes Haus tragen! Immer mehr Wasser tritt durch das Schilf, die Matte sinkt, neigt sich leicht, dann schneller, mit ihr rutscht das Haus gurgelnd hinein ins Nass, tiefer, die Fensterläden und glucksend zieht das Dach Strudel nach. Kurz zischt es noch, schimmert wie Erinnerung rötlich durch die Oberfläche, dann ist alles wieder grau, still.

Totenstille.

Sie sieht nur Wasser, das in der Ferne an den Himmel reicht, dort, wo längst vergessene Sehnsüchte umhertreiben und unaufhörlich vergebens nach Erfüllung suchen.

Ihre Hoffnung sucht nach einem Halt. Langsam dreht sie sich im Kreis. Wasser, leise vor sich hinschwappend. Nichts als Wasser. Nein! Da kommt noch einmal ein Haus von rechts. Es ist ein nettes Haus mit einem roten Ziegeldach. So ein Haus wollte sie immer haben und mit Mann und Kind darin wohnen. Ein einfacher Zaun aus Holz umgibt das Haus, das auf einer Schilfmatte steht. Aber eine Schilfmatte kann kein ganzes Haus tragen, sie weiß es doch! Die Schilfmatte schaukelt leicht, Wasser tritt hindurch. Ja, sie sieht es, es sinkt, das Haus, tiefer und tiefer hinab, schräger, gluckert schneller bis es fort ist. Es war ein hübsches Haus, das da noch rötlich zu ihren Füssen schimmert. Nun ist es fort.

Doch wieder kommt ein Haus von rechts. Es steht auf einer Schilfmatte. Aber eine Schilfmatte kann kein ganzes Haus tragen! Es sinkt, tiefer, weiter, bis sie nur noch das rote Dach schimmern sieht. Da kommt wieder ein Haus geschwommen. Aber eine Schilfmatte kann kein ganzes Haus tragen! Und wieder kommt ein Haus von rechts. Es ist ein hübsches Haus. Langsam sinkt es unter Wasser. Und wieder, eines nach dem anderen sinkt, wieder.

Sie steht und schaut und zählt die Häuser und blickt in die Ferne, fort zum Horizont, der sich an den Himmel schließt, bemerkt einen hellen Schimmer, zieht dann ihren Blick zurück und schaut auf die Schilfmatte zu ihren Füssen. Wasser tritt schon hindurch.

 

 

…eine Art Seligkeit

„Alle wilden Geschöpfe haben in ihren natürlichen Lebensbedingungen eine Art Seligkeit, denn sie sind wahre Ausdrucksformen des großen Unbekannten, das wir in Ermangelung eines besseren Wortes das unendliche Bewusstsein nennen wollen….In der wahnsinnigen, jubelnden Ekstase des Liebesschreis, mit der der große Vogel einsam in der Morgendämmerung über die Tannen hin nach einer Unbekannten ruft: dass er gerade so gestaltet, so durchlebt an dieser Stelle rufen kann, ist seines Lebens Schönheit, Wahrheit und Glück, wie es gleichermaßen der unvergleichliche Sprung für die Wildkatze ist, mit dem sie, ein Dämon der Anmut, ihm den Jubelruf in der Kehle durchbeißt.

Wo aber ist diese Wahrheit und Anmut, wenn der Mensch sein Geselchtes mit Bier hinunterschwemmt?“

(aus „Unfug des Lebens und des Sterbens“ von Prentice Mulford)

 

 

1.1.2017

Wir haben es gegen halb zehn. Ein stiller Morgen, noch stiller als sonst. Die Menschen schlafen ihren Rausch aus. Den Abschied vom alten Jahr feierten sie, doch wer ist unterwegs, den Morgen des neuen zu begrüßen?

Eine klare Nacht überzog die Landschaft mit feinen Eiskristallen, wie festlich geschmückt glänzt sie im Sonnenschein. Die Hänge an den gegenüberliegenden Bergen leuchten golden. Mein Feuer im Ofen war über Nacht ausgegangen. Mit zwei Pullovern und drei Hosen übereinander gehe ich in die Küche und mache Feuer im Kamin. Die Wärme, das Knistern, der heiße Kaffee, der klare Himmel und die Stille sind ein Geschenk. Wieder fühle ich tiefe Dankbarkeit.

Was ich mir für das neue Jahr vornehme? Nichts, was nicht auch sonst anstünde. Ich wünsche mir, achtsamer zu sein, Gefühle besser wahrzunehmen, aufmerksamer im Umgang mit Menschen, meine kreative Ader mehr zu pflegen.

Es ist zehn vor elf als ich endlich auf meiner Seite des Flusses in die Sonne gehen kann. Ich sammle Holz, beobachte die Vögel, schaue den Hummeln zu, die sich an Haselnussblüten laben und zerre Plastikschnüre aus dem Unterholz. Reichlich Zeit verbringe ich damit die Schnüre zu entfitzen und aufzurollen. Dann setze ich mich in die Sonne. Allein auf der Welt.

Als ich wieder die Hütte betrete ist es immer noch zehn vor elf. Der Wecker ist einfach stehen geblieben. Nach etlichen Tagen ohne Uhrzeit hatte ich ihn mitgenommen, um einen Überblick über die Zeit zu haben. Vor allem Nachts ist eine Orientierung nicht verkehrt. Bin ich doch schon wach und munter in tiefer Dunkelheit aufgestanden, Feuer gemacht, Kaffe getrunken und hab auf den Mogen gewartet. Der kam aber nicht… Die Anwesenheit einer Uhr hat durchaus Vorteile.