1.1.2017

Wir haben es gegen halb zehn. Ein stiller Morgen, noch stiller als sonst. Die Menschen schlafen ihren Rausch aus. Den Abschied vom alten Jahr feierten sie, doch wer ist unterwegs, den Morgen des neuen zu begrüßen?

Eine klare Nacht überzog die Landschaft mit feinen Eiskristallen, wie festlich geschmückt glänzt sie im Sonnenschein. Die Hänge an den gegenüberliegenden Bergen leuchten golden. Mein Feuer im Ofen war über Nacht ausgegangen. Mit zwei Pullovern und drei Hosen übereinander gehe ich in die Küche und mache Feuer im Kamin. Die Wärme, das Knistern, der heiße Kaffee, der klare Himmel und die Stille sind ein Geschenk. Wieder fühle ich tiefe Dankbarkeit.

Was ich mir für das neue Jahr vornehme? Nichts, was nicht auch sonst anstünde. Ich wünsche mir, achtsamer zu sein, Gefühle besser wahrzunehmen, aufmerksamer im Umgang mit Menschen, meine kreative Ader mehr zu pflegen.

Es ist zehn vor elf als ich endlich auf meiner Seite des Flusses in die Sonne gehen kann. Ich sammle Holz, beobachte die Vögel, schaue den Hummeln zu, die sich an Haselnussblüten laben und zerre Plastikschnüre aus dem Unterholz. Reichlich Zeit verbringe ich damit die Schnüre zu entfitzen und aufzurollen. Dann setze ich mich in die Sonne. Allein auf der Welt.

Als ich wieder die Hütte betrete ist es immer noch zehn vor elf. Der Wecker ist einfach stehen geblieben. Nach etlichen Tagen ohne Uhrzeit hatte ich ihn mitgenommen, um einen Überblick über die Zeit zu haben. Vor allem Nachts ist eine Orientierung nicht verkehrt. Bin ich doch schon wach und munter in tiefer Dunkelheit aufgestanden, Feuer gemacht, Kaffe getrunken und hab auf den Mogen gewartet. Der kam aber nicht… Die Anwesenheit einer Uhr hat durchaus Vorteile.

 

Advertisements

Wechsel

Sonnige Flächen strecken sich über den Hügel bis hinunter zum Feld.
Schatten ziehen sich ein, schrumpfen auf sich selbst zurück und kauern unter Bäumen, warten bis die Sonne wieder fällt, um zu wachsen bis sie mit der Nacht verschmelzen.

Weiß legt dann der Mond seine fahlen Strahlen auf trübes Wasser und lässt es glänzen.
Träge zieht der Fluss, unbeweglich ragen Äste durch milchglasige Luft,
fangen Funkeln ein und schicken es in meinen Blick.
Zweige starren im Licht bereift wie auf Scheiben gezeichnet und klirren leise.

Leben hat aufgehört zu atmen.
Pause in der Welt.

Morgen wird sich alles wieder regen.

 

Regen oder nicht

Verhält sich das Wetter wie gewohnt, dann beginnt es mit Beginn der Weinernte zu regnen. Der ganze Herbst geht mit einigen Hochwassern einher. Manchmal verlaufen diese sanft, Flüsse und Bäche steigen langsam an und treten nur verhalten über ihre Ufer. Dann wieder brechen die Fluten über ihre angewiesenen Betten hinaus, reißen Zäune um, verändern ihren Lauf, korrigieren Straßen, bringen Mauern zum Einstürzen und reißen Autos, Wohnwägen und unvorsichtige Menschen mit. In der Vorweihnachtszeit sind alle Wasserreservoire aufgefüllt und die kleinen Quellen laufen, so auch mein Trinkwasserbach.
Nicht so in diesem Jahr. Der Herbstregen blieb aus. Bis auf einige wenige Schauer versagte der Regen seinen Dienst. Der Fluss, welcher sich hier durch das Tal schlängelt, führt weniger Wasser als im Sommer, die kleinen Bäche und Quellen laufen alle nicht. Ich halte im Internet nach Regenritualen Ausschau, finde aber nichts Brauchbares. Regenmacher in Afrika versöhnen sich mit dem Regen, indem sie die Menschen wieder in Harmonie bringen. Dabei wird das ganze Dorf mit einbezogen. Die Leute hier sind dessen nicht gewohnt. Sie würden mich ernsthaft für verrückt erklären, würde ich sie zu einem Regenritual auffordern, indem wir gemeinsam mit Rasseln um ein Feuer springen. Selbst einige Menschen, die mir näher stehen, haben nicht diesen unbedingten Zugang zur Natur. Ich bin also auf mich gestellt.
Am Sonnabend, während ich im sommerwarmen Sonnenschein stand, sprach ich mit meinem Quellbach. Zu diesem Gewässer habe ich die innigste Verbindung. Seit Jahren versorgt er mich im Winter und Frühling mit dem besten Trinkwasser und seit Jahren spreche ich mit ihm, indem ich mich für sein Wasser bedanke und ihn segne. Ab und an beschenke ich ihn mit kleinen Kupfermünzen. Dass er meine Dankbarkeit durchaus versteht und schätzt, bewies er mir letztes Jahr mit dieser Geste:

Herz 2.jpg

Als ich wie gewohnt morgens mein Wasser holen wollte, zeigte er mir sein Herz. Hier noch ein wenig deutlicher:

Herz.jpg

Ihn konnte ich also fragen, was zu tun ist. Ich faltete meine Hände, sprach ihn an und erklärte unsere Not, die des Bodens, der Pflanzen und schließlich seine eigene. Nicht weiter verwundert darüber, erhielt ich die Antwort, es müsse regnen. Ich fragte weiter, was ich tun könne, damit es regnete. Daraufhin schwieg er. Nicht wissend, was ich sonst tun könnte, richtete ich meine Bitte um Regen angesichts des trockenen Bachbettes gen Himmel, der knallblau strahlte. Mein Inneres trug schwere Zweifel, ob diese Bitte erhört würde.
Heute am Sonntag gegen 6 erwachte ich durch das Pladdern des Regens auf das Dach. Es regnete. Mit der Dämmerung begannen einige Vögel zu singen. Ein gutes Zeichen, denn wenn die Vögel während des Regens singen, wird dieser fortdauern. Regnet es nur kurz, warten sie mit ihrem Gesang, bis der Regen vorbei ist.

Es regnete bis gegen Mittag, immerhin. Heute am  Montag erfreute uns wieder die Sonne.

„In dem Augenblick, in dem man sich endgültig einer Aufagbe verschreibt, bewegt sich die Vorsehung auch. Alle möglichen Dinge, die sonst nie geschehen wären, geschehen, um einem zu helfen. Ein ganzer Strom von Ereignissen wird in Gang gesetzt durch die Entscheidung, und er sorgt zu den eigenen Gunsten für zahlreiche unvorherhergesehene Zufälle, Begegnungen und Hilfen, die sich kein Mensch vorher je so erträumt haben könnte. Was immer Du tun kannst oder wovon Du träumst, fang es an. In der Kühnheit liegt Genie, Macht und Magie.“

Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832)

Lasst uns 2016 beginnen, wonach wir uns schon lange sehnen.                      Ich wünsche allen ein gesegnetes neues Jahr!

Ein kleiner Rückblick…

Heute haben wir den 29. Dezember. Glücklicherweise ist die Weihnacht vorbei, wie sie heute gelebt wird, die Zeit des geschäftigen Treibens der Menschen, der vollen Geschäfte und Straßen. Ruhe ist eingekehrt, Auszeit vor dem neuen Jahr, erst nach Sylvester geht das Leben weiter. Mir scheint, schon jetzt sind die Tage von mehr Licht erfüllt als vor dem Fest. Noch nie ging ein Weihnachten so spurlos an mir vorbei wie dieses und ich bin froh, dass das Leben sich mit neuer Energie fortsetzt.
Das vergangene Jahr war sehr merkwürdig. Etwas ging zu Ende, von dem ich noch nicht sagen kann, was genau es war. Auch wie es weitergehen wird, was an Neuem auftreten wird, erahne ich nicht. Stirbt etwas Altes, tritt unvermeidlich Neues auf, den frei gewordenen Platz zu füllen. Was aber wird dies sein?

2015 haben sich gleich mehrere Bestandteile meines Lebens aufgelöst, sind gestorben oder fortgegangen. Das Wichtigste war, dass zwei meiner Kinder sich auf anderen Kontinenten niedergelassen haben. Mein Sohn lebt und arbeitet nun in der Südsee, eine Tochter in Afrika. Bei beiden sieht es so aus, als würden sie nicht in nächster Zeit nach Europa zurückkehren, vielleicht nie wieder.
Zwei Freunde von mir starben, viel zu jung und viel zu früh. Ernst kannte ich seit vielen Jahren, genoss seine stete Hilfsbereitschaft und seine Gabe, das Leben zu genießen und anderen Menschen Freude zu bereiten. Er ertrank einfach so beim Baden in der Ostsee. Freunde zogen ihn sofort aus dem Wasser und versuchten ihn zu retten, vergebens.
Philip verzweifelte daran, dass sein Unternehmen pleiteging. Er war erst Mitte dreißig, offen für alles Unerwartete, klug und lustig. Niemals hätte ich ihm zugetraut, dass er seinem Leben selbst ein Ende setzen würde. Ich trauerte um beide mit ganzem Herzen. Sie werden jetzt glücklich im Himmel schweben und von dort ihre Lieben daheim auf der Erde beschützen.
Und meine beiden Jobs haben sich von mir verabschiedet, oder besser gesagt, ich mich von ihnen. Aus dem gleichen Grund löste ich mich aus beiden Verhältnissen. Ich arbeitete ohne Bezahlung in der Hoffnung, dass dies sich eines Tages ändern werde. Diese Hoffnung gab ich auf.

Jetzt habe ich unerwartet viel Zeit, denn erst jetzt wird mir klar, wie viel ich in diese Tätigkeiten investiert hatte. Ich machte diese Arbeiten sehr gern, mit Vergnügen sogar, was von meinen „Chefs“ schamlos ausgenutzt wurde. Insofern bedaure ich nichts, weder die Arbeit, noch das Ausscheiden aus dieser.

Ich habe plötzlich Zeit. Und ich habe einige Wünsche. Nun werden wir sehen, ob die gewonnene Zeit dafür bereit ist, meine Wünsche zu erfüllen.