Allen ein…

…schönes Wochenende…

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Geheimtipp: Solltest du mal nach Perpignan kommen und einen guten Kaffee trinken wollen, der dazu auch noch billig ist, dann begebe dich zum Leclerc, einem wenig interessanten Supermarkt mit ödem Umfeld, aber dem weitaus besten Kaffe mit der köstlichsten Sahne und dem niedrigsten Preis in Perpignan.

…ich bin dann mal weg für einige Tage…

 

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Die Natur stirbt

Vor 25 Jahren konntest du hier Hirschkäfer fliegen sehen. Überall gab es Nashornkäfer, Gottesanbeterinnen und diese schlanken Käfer mit ihren riesigen Fühlern. Das ist lange her. Sie sind bis auf wenige Exemplare verschwunden. Die Natur verändert sich eben, dachte ich, aber sie ist stark. Heute habe ich deutliche Zweifel daran, dass die Natur überleben wird, wenn die Menschen ihr Verhalten nicht verändern. Selbst die gewöhnlichsten Tiere, die hier massenhaft auftraten, sind stark dezimiert und scheinen uns verlassen zu wollen.

In jedem Frühjahr erhoben so viele Vögel beim Morgengrauen ihren Gesang, dass der gesamte Wald vibrierte. Im letzten Frühjahr sangen sie auch, doch es war eine vergleichsweise dürftige Besetzung. Seit drei Jahren fehlt das Eichhörnchen, welches ich jeden Herbst beim Nüssesammeln beobachten konnte. Die lästigen Siebenschläfer sind gleichzeitig verschwunden. Ich sehe keine Mäuse mehr und keine Smaragdeidechsen, Schlangen sah ich in diesem Jahr nur eine einzige. Wo früher tausende von Bläulingen an Pfützenrändern saßen, fliegt heute noch ab und an ein Exemplar. Wo sind sie alle hin? Ausgewandert, ausgezogen? Sind sie einfach gestorben?

Die Natur stirbt, es ist nicht mehr zu übersehen. Die Imker beklagen schon lange das Bienensterben und schlagen Alarm. Alle anderen Insekten sterben jedoch ebenso, unbemerkt. Es gefällt den Tieren nicht mehr auf unserer Erde. Sie kehren ihr den Rücken und gehen uns voraus.

In meiner direkten Umgebung wird innerhalb der Landwirtschaft kein Gift gesprüht. Das Vieh steht auf Weiden, die es selber düngt. Wald bleibt sich selbst überlassen, diese Gegend hier ist wenig besiedelt. Industrie gibt es im weiten Umkreis nicht. Welches also sind die Ursachen?

Wenn du als seltener Wanderer hier im Urlaub deine Wege gehst, wird dir nichts auffallen. Würdest du hier leben und dein Leben mit der Natur teilen, könntest auch du es beobachten. Ich bin alt und sterbe mit der Natur, das ist okay. Doch in einer sterbenden Natur aufzuwachsen, stelle ich mir deprimierend vor. Sie nehmen es nicht wahr, die Kinder und Jugendlichen. Ihre Blicke an kleine Monitore geheftet, die Ohren zugestöpselt, weilen sie in künstlichen Welten. Ob sie eines Tages darin entschwinden werden? Wohl kaum, ihre Körper sind an diese Welt gebunden. Werden sie sich in einigen Jahren in einer leeren, toten Welt wiederfinden?

Vielleicht erzählen die Überlebenden sich später Märchen von Paradiesen in denen Schmetterlinge über Blumenwiesen flatterten und Vögel in Wäldern auf Bäumen sangen. Noch sitze ich am Feuer und höre die Krähe am Morgen rufen…

 

 

Mitten im Wald

Schwere Schatten bedecken den Berg. Es wird Zeit, denkt sie, bevor die Sonne sinkt will sie Essen machen. Also steht sie auf, geht hinaus in den Garten, holt die Grabegabel und hebt eine Porreestange aus dem Boden. An den Wurzeln wird ein Batzen Erde mitgezogen, den sie mit der Hacke abschlägt. Immer noch gibt es reichlich Rote Beete, von denen sie eine kräftige Knolle aussucht. Dann zieht sie Möhren heraus und bricht große Blätter vom Mangold der daneben steht.

Schon den ganzen Tag lang heult von fern eine Motorsäge. Die Leute machen Holz. Bald wird es kalt werden.

Mit dem Gemüse unter dem Arm und in den Händen geht sie hinunter zum Fluss und taucht es ins Wasser. Was sie nicht hält wird fortgespült. Winzige Fischlein hapsen sofort nach den lehmigen Klümpchen, die sich lösen, probieren und speien unablässig. Sie schwenkt Blätter und Wurzeln, reibt mit den Fingern daran bis alles sauber ist und ihre Hände vor Kälte schmerzen. Danach schüttelt sie das Wasser ab und steigt den schmalen Pfad, der von braunroten und gelben Blatttupfen bedeckt ist hinauf. Je kälter es wird, desto wärmer färben sich Wiesen und Wege, bis alles endlich unter Schnee und Eis erstarren wird.

Nach und nach schnipselt sie das Gemüse in den großen gusseisernen Topf, entfernt winzige Nacktschnecken, die noch zwischen Blättern sitzen, achtet darauf, keine der kleinen schwarzen Fliegen zu übersehen und schält auch sorgfältig die Fraßlöcher der Wühlmäuse aus. Zu dem Gemüse gibt sie Wasser, Brühwürfel und Curry und setzt dann den schweren Deckel auf den Topf. Gleich wird die Sonne ihre noch wärmenden Strahlen einziehen.

Sie geht hinter die Hütte, Holz zu sammeln. Der stete seit Tagen anhaltende Wind bricht täglich tote Äste ab, die sie zu Haufen zusammenlegt, bündelt, zurückträgt und neben der Feuerstelle ablegt.

Aus dem Regal in der Hütte holt sie ein Buch – diesmal ist es „Im Tal der Pferde“- und reißt eine Seite nach der anderen heraus, zerknüllt sie und legt sie in die Asche, feine Zweige und kleine Ästchen obenauf bis größere folgen. Alles wird mit einem Streichholz entzündet, ein Eisenrost darübergelegt und der Topf daraufgestellt. Sofort zerrt der Wind an den Flammen, die unbändig um sich schlagen, als wollten sie den Topf meiden, den sie doch erreichen sollen. Sie legt Holz nach immer mehr, bis alles im Feuer verschwindet und Rauch unter dem schwarzen Deckel hervorquillt.

Nun beginnt es zu wärmen. Sie setzt sich nah daneben und hört, wie es knistert und tönt, säuselt und rauscht und lauscht in den Wald hinaus. Eine Rotte Schweine kommt den Berg herunter, raschelt, schnauft und grunzt und nimmt den gewohnten Weg.

Bald wird die Suppe gut sein, denkt sie und beobachtet einen Baum, der inmitten des Waldes wie erstarrt verharrt, seine Äste nach allen Seiten in die Luft reckt, als wollten sie etwas längst Verlorenem hinterher greifen, um doch noch zu halten was nicht zu halten ist. Weiße Flechten kleben wie veralteter Bartwuchs auf seiner Haut, als sei er darunter brüchig  geworden, steif und unbeweglich. Erinnerung wird verharschen wie vergessener Schnee…

 

 

 

20. September

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Nach Mittag setzt sich die Wärme durch, es wird heiß. Sie zieht ein T-Shirt nach dem anderen aus und sitzt endlich im Hemd in der Sonne. Aber nicht lange. Es ist eine gute Zeit, noch Steine für den Weg zu sammeln. Noch ist der Boden nicht mit einer dicken Schicht abgefallenen Laubes bedeckt, noch sind Steine überall zu sehen.

Hinten im Wald macht jemand Holz. Schon seit Stunden hört sie die Motorsäge. Dieses Geräusch scheint verwachsen mit dem Leben hier, so dass sie sich dadurch nicht gestört fühlt. Die Männer machen Holz, gehen jagen oder arbeiten auf dem Bau. Weinfelder sind in den letzten Jahren stark zurückgegangen. Überall wurden die alten Stöcke aus dem Boden gerissen. Heute steht Vieh auf den meisten Flächen. Das schwere Vieh will nicht so recht auf den schweren Boden passen, den es ordentlich fest tritt. Doch die Subventionen der EU nehmen darauf keine Rücksicht. Gut für den Garten, denkt sie, Pferdemist und Kuhfladen lassen sich besser sammeln als Schaf- und Ziegenköttel.

Holz will sie auch noch sammeln. Heute früh beim Mistsammeln auf der Weide fand sie die ersten Pilze, noch jung und ohne Maden. Die werden später mit feinen Zwiebeln gebraten. Der Winter kommt dies Jahr früh. Die Berge der Pyrenäen sind schon mit Schnee bedeckt und kalt ist es geworden. Vor zwei Wochen fielen die Temperaturen von über 30° auf unter 20°.  Dabei blieb es, Regen kam dazu und mässiger Wind. Abends, nachdem die Sonne untergegangen ist, riecht es fast schon nach Frost. Manchmal möchte sie schon heizen. Die Morgen im Dunkeln werden länger, die Abende ebenso. Vormittags fallen erst gegen halb neun die erste Sonnenstrahlen in den Garten. Dort ist die Ernte fast eingebracht. Radieschen gibt es noch und Wurzeln wie Möhren, Rote Bete, Porree und den unverwüstlichen Mangold. Den Bohnen ist es nun zu kalt zum Wachsen und auch schon dem Spinat.

Sie hofft, die Wärme kehrt noch einmal zurück.

 

 

 

 

Es regnet

 

Es ist, wie wenn langsames Rauschen leise verebbt, sich in sich selbst noch kräuselnd in sich rollt. Stille ruht. Wind hat aufgehört zu sein, Regen schon lang, so dass kaum noch etwas daran erinnert. Gelbes Gras knistert, wenn meine Füße es betreten, zerbricht wie feines Glas in dünne Splitter, die die Füße kitzeln und die Haut meiner Waden ritzen.  Disteln, grau verdorrt, stechen stachlig in die Luft, die zitternd das Land bedeckt.

Ich meide sie und setze meine Füße vorsichtig auf Erdinseln, die abgebrochen im Grasland treiben, auseinandergerissen und voneinander getrennt durch dunkle Erdspalten, in denen sich träge Wärme staut, hinabsinkt,  bis sie sich tief im Erdinneren auf  Magma legt. Gottesanbeterinnen  verharren wie braun geröstet, ihre Vorderfüsse zum Gebet gefaltet, den Kopf schielend zur Seite gesenkt. Auch sie sind auf sich beschränkt und ihrem Schicksal voll ergeben, so wie nichts mehr aufbegehrt.

Vertrocknete Brombeeren kleben im Gesträuch, Hagebuttenhüllen leuchten rot, den Pilzen fehlt die Feuchte, sie stauben. Ich zerdrücke Beeren, in denen die Süße des Weines sitzt, mit der Zunge und spucke Schale und Kerne aus. Sie fallen hart auf die Erde.

Der Sommer weigert sich zu gehen. Erschöpft hat er Sträucher, Wiesenblumen, Gras und Beeren. Trocken welken sie dahin. Es fehlt ihnen die üppige Fülle überreifer Früchte. Durst hat sie schmal gemacht und widerstandslos, sie rascheln und brechen. Nur früh, wenn Tau die Spitzen benetzt und auf den Weben der Spinnen sich Glitzerperlen reihen, duftet es feucht. Es seufzen die Halme sehnsuchtsvoll.

Regungslos stehen die mächtigen Bäume, deren Wurzeln in der Tiefe noch an Wasser reichen, doch müde stöhnen auch sie. Der alles in den Regen taucht lässt auf sich warten. Äste hängen schwer vom Eichelgewicht, das sie nach unten biegt. Kastanien rollen auf den Weg und wollen Schweine fett machen. Quellen trockneten vor Wochen schon aus, Bäche laufen nicht mehr, nur noch Steine hüten Staub in den Flussbetten.

Jede Äußerung in Zeit und Raum ist verstummt, wie hinter einer gelblichen Dunstglasscheibe scheinen mir Flussbett und Landschaft zu liegen, ich mich selber zu bewegen im mattigen Schein des trüben Lichtes. Gleich auch werde ich einhalten, um mich ihnen anzupassen, die Starre um mich nicht zu stören und keine Aufmerksamkeit zu erregen.

Da beginnt es. Da bedeckt sich der Himmel mit einer dunklen Decke. Wolken ziehen heran. Blätter und Halme beginnen zu hoffen und der erste Tropfen fällt. Es zischt. Tropfen auf Tropfen erreicht die Erde, Steine, gelbes Gras und Baumblätter. Sie weichen den Staub und bilden eine weiche Schmiere. Rinnsale, dann Bäche brechen sich ihre Bahn in den alten Betten, graue Blätter werden wieder grün. Nun können sie sich füllen und pralle Früchte reifen. Nun ist es nicht mehr zu spät.

Ein Mädchen läuft barfuß durch den Regen. Ihre Füße sinken zwischen Grasbüschel in den weichen Boden. Alles an ihr ist nass, läuft hinab und tropft. Ihr Kleid klebt faltig wie eine durchsichtige Haut auf ihrem Körper, ihr Haar mischt sich dazwischen. Langsam kommt sie auf mich zu und lächelt durch das Fliessen des Wassers hindurch. „Es regnet“, sagt sie.

 

 

 

Dachsspuren

Wieder habe ich einen Dachs im Garten. Noch entdeckte ich das Loch nicht, durch welches er schlüpft, doch ich sage es dir, ich finde es. Dachse lieben Regenwürmer und für diese Delikatesse tun sie nahezu alles, eben auch unterirdische Gänge unter Zäune graben. Glücklicherweise mögen sie Gemüse weniger, obwohl sie Allesfresser sind. So verschonen sie Tomaten, Möhren und Rote Bete. Die Schnecken gönne ich ihnen gern und von mir aus auch Regenwürmer. Was jedoch ärgerlich ist, dass sie sich nicht an die Regel halten, innerhalb eines Beetes nicht zu graben. Und so finde ich überall diese schönen, tiefen Grabelöcher…aber Schweine wären schlimmer.

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Dachse haben einen guten Geruchssinn, sie riechen die Regenwürmer unter der Erde, was ich erstaunlich finde, denn Erde selber riecht ja auch, neben dem Mist, der dort verteilt ist. Und auch die Pflanzen entwickeln mitunter starke Gerüche, wie Tomaten und Gewürzpflanzen. Das stört den Dachs nicht, er wittert den Regenwurm heraus aus diesem Geruchsgemisch. Ich mag Dachse, sie sind hübsch anzuschauen, führen ein gutes Familienleben und leben friedlich abseits der Menschen, in der Regel, denn bei mir kommen sie ganz schön dicht. Einmal lief mir einer über den Weg, mitten am Vormittag, obwohl überall zu lesen ist, sie seien nachtaktiv. Vielleicht sollte ich öfter Krach machen, doch das Loch unterm Zaun zu suchen ist eine angenehmere Vorstellung…

 

 

 

 

Hungernde Wespen

In diesem Jahr ist vieles anders. Der Frühling brachte fast sommerliche Temperaturen, um dann Ende April mit einigen frostigen Tagen alles bisher Geschaffene zu zerstören. Kleine Früchte; Blüten und Blätter erfroren. Der Nussbaum; welcher in voller Pracht beblättert war, zeigte verschrumpeltes, braunes Laub in seiner Trauer über den missglückten Start. Glücklicherweise trieb er mutig noch ein zweites Mal aus. Doch auf Blüten verzichtete er, ein Risiko, das er nicht mehr eingehen wollte.

In diesem Jahr gibt es bei uns keine Früchte. Das hat zur Folge, dass die Wespen aggressiver als gewöhnlich stechen. Sie sind nervös, haben Hunger und Panik, sich nicht genügend auf die Winterzeit vorbereiten zu können.

Das ist verständlich, ich bekomme Mitleid mit den Insekten. Was auf die Wespen zutrifft, wird auch für die anderen gelten. So stehen seit einigen Tagen Teller mit Zuckerwasser und Konfitüre vom vergangenen Jahr im Garten. Sie brauchten einige Tage, um die Nahrungsquelle annehmen zu können. Inzwischen hat es sich beim Volk herumgesprochen und heute sah ich neben vielen Wespen schon Schmetterlinge und eine Hornisse an den süßen Früchten saugen.

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