…empfänglich werden für das Einfache und Echte…

“Die starke Verschmutzung der Umwelt hat ihr Gegenstück in den übervollen verschmutzten Feldern der astralen Sphären. Wie kann der einzelne Sucher noch zu jenem vorstoßen, das hinter dieser großen Maskerade von degenerierten Energien unberührt und zeitlos pulsiert – jenes Unaussprechbare, das ausgesprochen zum Urquell aller geschaffenen Wesen wird.…

Wie kann der Mensch der Jetztzeit  trotz der dicken Schmutzschicht um ihn herum zur unmittelbaren Schau der einen Wirklichkeit gelangen? Laotse nennt in Vers 19 vier Forderungen, die der Schüler in seine Lebensgestaltung einbauen muss, wenn er vom Schein ins Feld der Lebenden treten will. Diese Forderungen heißen:

– empfänglich werden für das Einfache und Echte

– das ursprüngliche Wesen in sich bewahren und hegen

– Eigenliebe und Ich-Sucht verringern

– die Macht von Wünschen und Begehren abschwächen

(aus „Sein eigener Meister und Schüler“ von Heinz Klein, Verlag Zeitenwende)

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Ich bin eine Heldin

Es regnete. Es regnete den ganzen gestrigen Tag und die Nacht. Heute Vormittag regnete es immer noch. Das ist sehr gut so, der Regen wird gebraucht, um die Wasserreserven wieder aufzufüllen. Heute Morgen beschloss ich, den Garten zu verlassen, weil alles triefend nass war.

Nun muss man wissen, dass ein kleiner unbefestigter Feldweg von der Straße in meinen Garten führt, der bei jedem Regen sich in einen schlammigen Pfad verwandelt. Seit vielen Jahren arbeite ich daran, diesen schlammigen Pfad auch bei Regen befahrbar zu machen. Durch unermüdlichen Einsatz ist mir dies gelungen. Das heißt, während der trockenen Jahreszeit kippe ich Steine in den Weg, die vorher natürlich gesammelt werden müssen. Das hält mich in Bewegung, stärkt die Muskeln und  lässt mich jung bleiben.

Seit einigen Jahren kann ich den Feldweg zu jeder Jahreszeit befahren. Das freut nicht nur mich, sondern auch die Jäger. Sie haben natürlich Jeeps mit Allradantrieb. Doch so ein feiner Weg lässt auch sie nicht unberührt, denn seit mein Weg gut instand gesetzt ist, fahren sie diesen täglich, um die Schweine im Wald zu füttern. Dies tun sie, um die Tiere in Schussweite zu behalten. Da Schweine kluge Tiere sind, ziehen sie sich normalerweise mit Beginn der Jagdsaison in die höheren Berge zurück. Allein die feinen Maisgaben der Jäger lassen sie in Reichweite verweilen.

Nun fahren also die Jäger täglich meinen schönen Weg entlang, den ich mit so viel Liebe und Arbeit hergerichtet habe. Wie Du Dir jetzt schon denken kannst, nimmt der Weg dadurch Schaden. Heute also war es soweit. Ich blieb mit meinem Auto stecken. Es hat natürlich keinen Allradantrieb. Eine Stunde lang kämpfte ich im Regen. Der Schlamm spritzte, so dass das Auto sich kaum noch von seinem Untergrund unterschied, ich übrigens auch nicht. Ich wollte fast schon aufgeben, da gaben die widrigen Umstände nach und ließen mich ziehen…

Jetzt lasse ich mir Badewasser ein…

 

 

 

 

Geburtstagsbrief

…wie es heute üblich ist, stapelt sich das Spielzeug im Zimmer meines Enkelchens in Deutschland. Da es mir unsinnig erscheint, dem Kind ein weiteres Teil zum Abstauben und Aufräumen zu seinem Geburtstag zu schenken, schrieb ich ihm einen Brief. Er ist freilich etwas lang geworden, aber er kann ja in Etappen gelesen werden:

Lieber Sylvester,

ja eigentlich hatte ich dir einen Waldkuchen schicken wollen, gebacken war er schon, aus leckeren Tannennadeln, mit getrockneten Preiselbeeren und Hagebutten, verziert mit Tannenzapfen und Flusskieseln in feines Moos gebettet. Aber dann kam alles anders.

Ich hatte nämlich nicht mit den Wuselwichten gerechnet und völlig vergessen, dass sie große Liebhaber solcher Waldkuchen sind. Sie tun nahezu alles, um an den Genuss solchen Gebäcks zu kommen. Und stell Dir vor, als der Duft des fertigen Kuchens durch den Wald zog, da hörte ich es plötzlich hinter der Hütte leise rascheln. Zuerst fand ich es nicht beunruhigend, denn es raschelt oft im Wald, wenn Vögel im Laub nach Würmern suchen und Katzen Vögel jagen. Doch das Rascheln wurde irgendwie dichter. Die kleinen stillen Momente zwischen dem Rascheln wurden weniger und verschwanden schließlich ganz. Es war ein ganz kompaktes wuseliges Rascheln.

Das war ungewöhnlich. Solches hatte ich hier noch nie gehört! Also sah ich aus dem Fenster und was meinst du sah ich da? Hinter dem Erdwall gleich hinter der Hütte drängelten sich hunderte von Wuselwichtel. Im ersten Moment spürte ich Angst im Bauch. Dann fiel mir zum Glück ein, dass Wuselwichte nur stark sind, wenn Menschen Angst haben. Also schickte ich meine Angst schnell fort und dachte an tanzende Mäuse.

Ich begann die Wichtel zu beobachten. Was ich sonst hätte tun können, fiel mir nicht ein. Also schaute ich ihnen erst einmal zu. Sie waren zu einer wuseligen Mauer geworden. Sicherlich überlegten sie, wie sie an den Kuchen kommen können. Der aber stand sicher auf dem großen Tisch. Ha! Den kriegen sie nicht, dachte ich, denn ich stand ja genau daneben.

Plötzlich sah ich, wie hinter den Wuselwichteln hohe Erdfontänen aufspritzten, fast so hoch wie Springbrunnen. Das konnte ich mir gar nicht erklären. Da musste ich unbedingt herausbekommen, was das zu bedeuten hat. Ich beschloss nachzuschauen. Draußen war es kalt. Also nahm ich den grünen Schal, band das gelbe Kopftuch um und zog den dicken roten Pullover über. Dann ging ich hinaus und schloss sorgfältig und fest die Tür, denn drin war ja der Kuchen und der war ja für Dich.

Als ich hinauskam, bekamen die Wichtel große Augen und begannen zu grummeln. Aber ich war mutig und ging entschlossen auf die Erdfontäne zu, bis ich vor der Wichtelmauer stand. Die kleinen Kerle waren ganz schön unruhig und hatten ein bisschen Angst vor mir, weil ich so groß war. Und ich fühlte mich plötzlich sehr stark und schaut über die Mauer. Und was sah ich da? Sie waren dabei einen Tunnel zu graben!

Das hatten sie sich schlau ausgedacht, einen Tunnel unter der Erde durch bis in die Hütte, bis zum Kuchen. Schnell drehte ich mich um, rannte zwischen Bäumen und Sträuchern hindurch zur Hütte, öffnete die Tür, schaute auf den Tisch und…der Kuchen war weg!

Was für eine oberschreckliche Katastrophentat! Da! Es klaffte ein Loch im Boden. Dahinein waren sie mit dem Kuchen verschwunden. Hinterher! rief eine Stimme in meinem Kopf. Aber ich war viel zu groß für dieses Loch. Also musste ich mich verkleinern. Zum Glück las ich ja viele Bücher und hatte eine Anleitung zum Verkleinern in meinem Kopf. Ich atmete ein bisschen ein und ganz viel aus, wieder ein bisschen ein und ganz viel aus und mit jedem Mal wurde ich etwas kleiner. Nach vier Minuten passte ich in das Loch, nahm all meinen Mut zusammen und stürzte mich kopfüber in die Erde, um den Kuchen zu retten.

Wie ein Maulwurf robbte ich durch den feuchten Boden, überwand Wurzeln, grüßte freundlich einen vorbeikommenden Regenwurm und nach knapp 32 Sekunden sah ich das Licht vom Ausgang. Ich kraxelte hoch, schob meine Hände auf den Rand und zog mich nach oben. Und was sah ich? Ich sage Dir, es war grauenvoll! Alle Wuselwichte saßen fröhlich im Kreis und aßen Deinen leckeren Waldkuchen. Vorbei wars also mit dem schönen Geburtstagsgeschenk für Dich. Du kannst Dir bestimmt vorstellen, was ich für einen Schrecken bekam. Ich war wütend, traurig und entsetzt zugleich und obendrein auch noch ratlos, was jetzt zu tun war. Den Kuchen zu retten war es zu spät. Gerade noch einige Tannenzapfen lagen zwischen den Tannennadelkrümeln am Boden. Und während ich so vor mich hindachte, gab plötzlich der weiche Boden nach, meine Hände rutschten vom Rand und ich fiel in das Loch zurück.

Doch was war das? Ich fiel und fiel und hörte nicht auf zu fallen. Ganze 2 ½ Tage fiel ich ununterbrochen. Die ersten Minuten hatte ich Angst, natürlich, es war dunkel, ich sah nichts und ich wusste ja nicht, wo ich hinfallen würde. Vielleicht würde ich bei Frau Holle landen. Dann aber gewöhnte ich mich daran. Ich roch die unterschiedlichen Erdschichten, hörte die Luft rauschen, manchmal wurde es feuchter, wärmer, dann wieder kälter und schließlich schlief ich ein. Als ich aufwachte fiel ich immer noch. Gerade als ich mich fragte, wie lange das noch so weitergehen würde und mir langweilig wurde, sah ich ein warmes, gelbes Licht, auf das ich zu flog. Das Licht wurde größer und BUMS! Machte es und ich lag auf feinem weißen Sand in der warmen Sonne. Vorsichtig hob ich den Kopf und sah feines türkisfarbenes Wasser vor mir, das sich aus vielen kleinen Wellen zusammensetzte. Unermüdlich bewegten sich die Wellen auf mich zu, um mich zu erreichen, doch wenn sie gerade meine Füße berühren wollten, glitten sie wieder ins Meer zurück. Dabei wisperten sie leise. „Schön“, sagten sie , wenn sie auf mich zu kamen, „…dass du da bist!“ wenn sie sich wieder mit dem Mer vereinigten. Ein Weilchen hörte ich zu, denn wer hört es nicht gern, wenn ihm jemand sagt, dass es schön ist, dass er da ist. Und mit jedem „Schön, dass du da bist.“ Fühlte ich mich glücklicher. Mein Mund wurde breit und breiter vor lauter zufriedenem Grinsen. Hätte ich nicht aufgehört zu grinsen, wäre ich eine Breitmauloma geworden. Dann hätte man mich leicht mit einem Breitmaulfrosch verwechseln können, die Größe eines Frosches hatte ich ja schon.

Doch ich setzte mich auf und schaute mich um. Hier war es ringsum schön. Doch was war das? Hinter mir…eine riesengroße Torte! Eine Torte, eine Südseetorte! Ich jubelte, nun war wieder alles gut. Fast alles, denn ich musste ja die Torte irgendwie wieder auf die andere Seite der Erde bringen und größer musste ich auch wieder werden.

Während ich so nachdachte, tauchten am Horizont zwei Menschen auf, die genauso groß waren wie ich. Als sie näher kamen wuchsen sie und wurden größer und größer. Schnell versteckte ich mich hinter einem Haufen Schwemmholz. Und als ich über die Äste kletterte, um ins Dunkle zu kommen, saß da schon jemand. Ein Tanzwichtel! Das erkannte ich gleich an seiner Kleidung aus Palmfasern und den Blumen auf dem Kopf. Der Tanzwichtel und ich erschraken gleichzeitig und fielen vor Schreck beide um. Einen kurzen Moment schaute ich geradewegs in den blauen Himmel, dann schob sich das Gesicht des Tanzwichtels davor. Mein Mund, der vor kurzem noch so breit gegrinst hatte, war noch nicht wieder ganz zusammengezogen, so dass ich trotz meiner Angst grinste. Der Wichtel grinste zurück. Nachdem wir uns eine Weile angegrinst hatten, begann er zu glucksen, so wie Luftblasen, die aus dem Wasser aufsteigen. Darüber musste ich lachen und so lachten und glucksten wir um die Wette. Wir gewannen beide, denn in der Südsee gibt es niemals nicht keine Verlierer. Das ist eine gute Einrichtung.

„Hi,“ sagte ich zum Wichtel, „was machst du denn hier?“ Das war eigentlich eine ziemlich blöde Frage an einen Ureinwohner gerichtet, wenn man wie ich gerade von der anderen Seite der Erde kam. Doch das störte ihn nicht. „Ich passe natürlich auf die Torte auf“, sagte er. Klar, dachte ich, was Wunder und was nun? Also erzählte ich erst einmal die Geschichte vom geklauten Waldkuchen und wie ich dann durch das Loch bis auf die andere Seite der Erde gefallen war, wo ich geradewegs neben einer Torte landete und schon froh war über diesen Ersatz. Eine Tanzwichteltorte aus der Südsee ist natürlich viel besser als eine gewöhnliche Waldtorte. Ich stellte mir schon vor, wie Du Dich darüber freuen wirst, und jetzt war es wieder nichts mit der Torte, denn ich konnte dem Tanzwichtel ja nicht einfach seine Torte nehmen. Der hatte meine Geschichte bis zu Ende angehört und dachte jetzt nach. Ich dachte auch nach. Nach ungefähr fünf Stunden sagte er: „Nein, so viele Probleme.“ „Ja“, sagte ich, „so viele Probleme.“ Und so wurden wir Freunde.

„Zuerst schreibst du einen Brief, dann weiß Sylvester, dass du an ihn denkst und das ist die Hauptsache. Und dann denken wir weiter darüber nach, was wir machen, das ist die zweite Hauptsache. Und zweite Hauptsachen haben immer Zeit“, sagte mein neuer Freund und damit hatte er recht. Also tat ich genauso, wie er gesagt hatte. Das hier ist der Brief.

Obwohl du nun keine Waldtorte und auch keine Südseetorte bekommen hast, bist du hoffentlich fröhlich und feierst einen schönen Geburtstag.

Liebe Grüße von Deiner Oma

24. Januar

Bei 4°C und 85 kmh Windgeschwindigkeit geht niemand gern ins Freie. Auch dass Windböen die 100 kmh überschreiten bringt wenig Vergnügen. Doch die Sonne scheint. Eine Weile schaue ich vom sicheren Platz neben dem Ofen auf sonnige Berghänge. Dann ziehe ich mich entschlossen an. Wenigstens den Fluss entlanglaufen und schauen, was dort die letzten Tage passiert ist. Draußen dann ist es wirklich kalt. Unter den Bäumen liegt totes Holz, vom Wind gebrochen, das ich mitnehme.

Nach meiner ersten Tour sitze ich wieder neben dem Ofen, esse einen Apfel und schaue aus dem Fenster. Die sonnenbeschienenen Flächen haben sich seit Weihnachten ohne Zweifel vergrößert. Manchmal piepst ein Vogel schon frühlingshaft. Und die Sonne wärmt, wäre der Wind nicht, würde man sie spüren.

Dieses Jahr werde ich mir ein Folienzelt bauen. Dann können Salat, Radieschen und Kohlrabi früher gesät und geerntet werden. Später dann kann ich Paprika und Auberginen hineinpflanzen. Durchsichtige Folie habe ich schon. Ich mache eine Zeichnung, bei vier Metern Länge und zwei Metern Breite müsste ich mit 30 Haselnussstecken hinkommen.

Wenigstens drei Haselnussstecken könnte ich heute schneiden, versuche ich mich zu motivieren, doch noch einmal hinauszugehen. Wenigstens drei, das ist nicht viel. Also ziehe ich mich nochmals an. Am Ende des Tages habe ich mehr als 30 Stecken geschnitten – sie sind immerhin um die sechs Meter lang –, einen riesigen Berg Holz gesammelt und einiges an Müll aus der Landschaft entfernt.

 

Energiewahrnehmende Interpretationspunkte

Ich bin, entkleide ich mich von allem Äußeren, ein energiewahrnehmender Interpretationspunkt.

Das scheint mir das einzig Bleibende. Alles andere ist veränderlich. Uns ist Wahrnehmung eigen, das Einzige, wovon wir uns nicht befreien können. Wahrnehmung ist unsere einzige grundlegende Eigenschaft. Wir nehmen einfach wahr, ob wir wollen oder nicht. Ohren und Augen können wir noch verschließen, unsere Haut bleibt im Kontakt mit dem Rest der Welt, unser inneres Fühlen ist mit ihr verbunden.

Wir können erinnern, werten, schöpfen, müssen wir aber nicht. Auch wenn wir darauf konditioniert sind, dies zu tun, können wir uns davon lösen, von der Wahrnehmung nicht.

Selbst interpretieren müssen wir nicht. Jedoch werden wir in eine Kultur hineingeboren, die uns keine andere Wahl lässt. Vom ersten Tag unserer Geburt an, wird uns von allen Menschen die Welt erklärt. Dies heißt so, das benutzt man so und Du bist so und hast so zu sein. Selbst unser Menschsein wird erklärt. Uns wird erklärt, wie wir die Energie, die wir wahrnehmen, zu interpretieren haben, wie wir sie benennen und einordnen sollen. Als hilflose und abhängige Wesen bleibt uns keine andere Wahl, als uns dem bestehenden Interpretationssystem anzuschließen. Doch sollten wir wissen und uns dessen bewusst sein, dass dieses System nur eine Möglichkeit von unendlich vielen ist. Wir dürfen und sollten es in Frage stellen. Ich denke, mit diesem Infragestellen beginnt Intelligenz, nicht damit, vorgegebene Fakten auswendig zu lernen.

Unsere erlernten Interpretationen erschaffen die Welt, in der wir zu leben glauben. Unsere Gefühle halten die Verbindung aufrecht und unsere Handlungen verstricken uns mit dieser Welt. Wer also bin ich? Ich definiere mich über meine Verstrickungen mit der Welt. Doch, bin ich das?

Jede Interpretation der von mir wahrgenommenen Energie entspringt scheinbar mir selbst, solange ich mir nicht vergegenwärtige, dass diese erlernt wurde. Ich interpretiere die Energie auf eine erlernte Weise. Ein anderer kann der gleichen Energie eine andere Interpretation zukommen lassen und erlebt somit eine andere Welt.

Die Wahrnehmung kann nicht verändert werden, die Interpretation schon.

Da alle Wahrnehmung  von Verstand und Gefühl gefärbt sind und ich reine Wahrnehmung nicht erfahren kann, entgeht mir die reine Energie an sich. Reine Energie wahrzunehmen ist nur möglich, wenn ich mich von allen Interpretationen löse. Solange mir dies nicht möglich ist, bin ich in meinen Interpretationen gefangen. Die Erkenntnis dessen öffnet Wege…

 

Das Wirken unserer Ahnen durch uns…

Für meine Mutter waren wir Kinder Gören oder Zigeuner. Der Begriff Göre für Kind war in Berlin geläufig, Zigeuner aber nicht.

Das Haus, in welchem wir wohnten, war das vorletzte einer Straße, die direkt auf die Spree zulief. Unser Hof, auf dem wir spielten, lag nur einige Meter vom Fluss entfernt und so standen wir Kinder oft am Eisengitter, durch das fast unsere Köpfe passten und verfolgten die Äppelkähne auf dem Fluss mit den Augen. Sand, Kohle, Schrott und Baumateriel wurden auf diesen Kähnen transportiert. Doch das wirklich Faszinierende war, dass auf diesen Kähnen Wäsche auf Leinen flatterte und Kinder spielten. Dort wohnten Familien! WARUM, fragte ich mich, mussten meine Eltern das ganze Jahr über in so einer öden Wohnung wohnen? …wo andere auf Flüssen durch die Welt fuhren…

Irgendwann gingen sie mit mir in den Zirkus. Weder für den Clown noch für die Tiere interessierte ich mich und die Artisten konnten sich noch so sehr um meine Aufmerksamkeit bemühen… Am ganzen Zirkusgeschehen fand ich allein bemerkenswert, dass Domteure und Artisten in Wagen wohnten. Ich erinnere mich daran, wie ich meinen Großvater darüber befragte. So wollte ich leben! Wenn ich groß bin, gehe ich weg, dachte ich tausend Mal und immer wieder…

Vielleicht war ich neun oder zehn, als mir auffiel, dass mein Vater anders aussah als Onkel Gerhard und Manfred, als Dr. Hennes und  all die Nachbarn. Mein Vater hatte tiefschwarze Haare, ebensolche Augen und eine dunklere Haut als andere Menschen. Ich hatte keine Ahnung, weshalb das so war. Ihn umgab ein einziges Geheimnis, das über alle Bereiche lag und niemals wurde etwas freigegeben. Offenbar durfte niemand etwas darüber wissen.

Und dann bemerkte ich, dass auch ich etwas anders aussah, als die Freundinnen…

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…auch wenn wir unsere Ahnen nicht kennen oder so, wie bei mir, sie nicht kennen durften, sie wirken durch uns. Und das, was nicht sein darf, was versucht wird zu verheimlichen und zu unterdrücken, wirkt am stärksten. Wenn ich heute am Feuer sitze, sitzt meine Großmutter im Geiste neben mir und manchmal kann ich sie spüren…

 

 

 

Wasser

 

Wasser.

Ringsum plätschert leise Wasser bis zum Horizont, wo es langsam heller wird und sich unauffällig mit dem Himmel eint. Überall schwappen kleine graue Wellen unermüdlich vor sich hin. Nirgendwo gibt es klare Grenzen und irgendwo weit hinten hat das Grau die Sonne verschluckt und will sie nicht mehr zeigen, nie mehr.

Gleichgültig dümpelt es leise. Sie dreht sich in alle Richtungen und ihre Augen treffen keinen festen Gegenstand. Nirgends, nur Wasser, Luft und schwammige Wolken. Doch! Von rechts kommt langsam ein Haus geschwommen! Es ist ein hübsches Haus, weiß getüncht mit einem roten Ziegeldach in dessen Mitte ein Schornstein steht. Etwas Rauch steigt auf, feiner weißer Rauch. Zu beiden Seiten der blau gestrichenen Tür befinden sich Fenster mit ebenso blauen Fensterläden und davor wachsen rote Geranien in Blumenkästen. Ein einfacher Holzzaun umgibt das Haus. Es ist hübsch anzusehen. So malte sie als Kind immer die Häuser.

Es steht auf einer Schilfmatte. Wie merkwürdig, dass eine einfache Schilfmatte ein ganzes Haus tragen kann, denkt sie.

Kann sie ja nicht! Die Schilfmatte kann kein ganzes Haus tragen! Immer mehr Wasser tritt durch das Schilf, die Matte sinkt, neigt sich leicht, dann schneller, mit ihr rutscht das Haus gurgelnd hinein ins Nass, tiefer, die Fensterläden und glucksend zieht das Dach Strudel nach. Kurz zischt es noch, schimmert wie Erinnerung rötlich durch die Oberfläche, dann ist alles wieder grau, still.

Totenstille.

Sie sieht nur Wasser, das in der Ferne an den Himmel reicht, dort, wo längst vergessene Sehnsüchte umhertreiben und unaufhörlich vergebens nach Erfüllung suchen.

Ihre Hoffnung sucht nach einem Halt. Langsam dreht sie sich im Kreis. Wasser, leise vor sich hinschwappend. Nichts als Wasser. Nein! Da kommt noch einmal ein Haus von rechts. Es ist ein nettes Haus mit einem roten Ziegeldach. So ein Haus wollte sie immer haben und mit Mann und Kind darin wohnen. Ein einfacher Zaun aus Holz umgibt das Haus, das auf einer Schilfmatte steht. Aber eine Schilfmatte kann kein ganzes Haus tragen, sie weiß es doch! Die Schilfmatte schaukelt leicht, Wasser tritt hindurch. Ja, sie sieht es, es sinkt, das Haus, tiefer und tiefer hinab, schräger, gluckert schneller bis es fort ist. Es war ein hübsches Haus, das da noch rötlich zu ihren Füssen schimmert. Nun ist es fort.

Doch wieder kommt ein Haus von rechts. Es steht auf einer Schilfmatte. Aber eine Schilfmatte kann kein ganzes Haus tragen! Es sinkt, tiefer, weiter, bis sie nur noch das rote Dach schimmern sieht. Da kommt wieder ein Haus geschwommen. Aber eine Schilfmatte kann kein ganzes Haus tragen! Und wieder kommt ein Haus von rechts. Es ist ein hübsches Haus. Langsam sinkt es unter Wasser. Und wieder, eines nach dem anderen sinkt, wieder.

Sie steht und schaut und zählt die Häuser und blickt in die Ferne, fort zum Horizont, der sich an den Himmel schließt, bemerkt einen hellen Schimmer, zieht dann ihren Blick zurück und schaut auf die Schilfmatte zu ihren Füssen. Wasser tritt schon hindurch.