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Dieses Foto wurde anlässlich der Einschulung meiner älteren Tochter 1982 in Berlin Friedrichshain aufgenommen. Zu sehen sind T. neben ihrer jüngeren Schwester D., dahinter meine Großmutter, die Uroma der beiden. Auffallend ist noch der Schulhof in seiner ganz gewöhnlichen Kargheit, nicht einmal eine Bank war dort aufgestellt, das war normal.

Auf den ersten Blick ist zu erkennen, dass die beiden Mädchen recht unterschiedlich waren. Beide haben denselben Papa und dieselbe Mama, was ich erwähnen möchte, weil damals Nachbarskinder erzählten, wir hätten unsere erste Tochter adoptiert, so auffällig war ihr Anderssein in der Familie. Doch nicht nur in der Familie war sie anders, sie war es überhaupt.

Im zarten Alter von drei Jahren schockierte sie Menschen mit Ausrufen wie: „Wat issn dit hier für `ne Scheiße!“ beim Anblick eines Vögelchens. Das war der Beginn einer Außenseiterkarriere, die bis heute anhält. Als sie vier war, zeigten die alten Frauen in der Straße mit Fingern auf sie und riefen sich zu: „Da isse wieda!“ oder „Die iss das!“ Mein kleines zartes Töchterchen setzte sich nachmittags beim freien Spiel auf dem Hof und auf der Straße dadurch in Szene, dass sie Büsche entlaubte, in Müllcontainer kletterte, um unter dem Gejohle aller Kinder Flaschen und Gläser auf den Asphalt zu schmettern oder die ganze Bande beim Einreißen der Zäune auf dem Hof anführte. (Damals war es üblich, die Kinder nach der Schule, nach dem Kindergarten und am Wochenende draußen ohne Aufsicht spielen zu lassen.) Was auch geschah, man konnte sich sicher sein, dass sie eine Möglichkeit fand, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

Bald hatte sie bei einigen Kindern Hausverbot, weil sie dort Schmuck und Geld zu stehlen suchte. Als sie fünf war, erbettelte sie sich Süßigkeiten und Nutella-Brote, indem sie erzählte, sie bekäme daheim nichts zu essen. Bei mir aß sie dann auch nichts mehr, ich bestand ja schließlich auf Gemüse, Obst und Käsebrote, Sachen, denen eindeutig der von ihr bevorzugte süße Geschmack fehlte. In meiner Harmlosigkeit dachte ich, es wäre noch kein Kind vor dem vollen Teller verhungert und wartete erst einmal ab. Nicht lange, dann standen wütende Nachbarn vor meiner Tür, die kamen, um mein armes Kindlein zu verteidigen. Wie kann ich Rabenmutter es nur wagen, ihr nichts zu essen zu geben?

Das war der Moment, wo ich sie hätte verhauen sollen, denkt es heute in mir, ich aber ging mit ihr zu einer Kinderpsychologin. Diese stellte dann nach einigen Stunden fest, dass meinem Kindlein tatsächlich etwas fehlt: Sie erkennt nicht den Zusammenhang zwischen dem, was sie tut und den Folgen, die daraus entstehen. Dass diese Diagnose richtig ist, sollte sich im Folgenden immer wieder bestätigen.

Lange bevor sie in die Schule kommen sollte übte ich mit ihr die Farben, das einfache Zählen und das Lesen der Uhr. Alle Bemühungen waren vergebens. Die zwei Jahre jüngere Schwester war der großen in allem überlegen. Sie konnte nicht nur zählen, sondern spielte einfache Brettspiele und Lieder auf der Triola (das war eine Art Plastikflöte). Ohne zu zögern hätte ich die jüngere statt der älteren eingeschult. Meine Bedenken waren groß, aber alle Kindergärtnerinnen sahen T. Zukunft optimistisch und ich dachte, sie hätten die Erfahrungen, sie müssten es wissen. Eine Alternative gab es sowieso nicht. Die Schule wurde dann ein wahres Desaster. Mein Kindlein lernte nichts. Dafür wurde sie ärgerlich auf die Lehrer, die ihr immer schlechte Zensuren gaben, „weil sie sie nicht leiden konnten“, wie sie dachte. Es war ihr auch durch endlos wiederholte Erklärungen nicht beizubringen, dass sie wegen ihrer Fehler schlechte Zensuren erhielt.

Auch nachdem sie eine Klasse wiederholte, wurde nichts besser. Als wieder einmal einer ihrer Lehrer beim Hausbesuch mein Sofa abwetzte, erklärte ich diesem, dass ich dem Kind und mir nicht mehr alle Freizeit dadurch verderbe, indem ich ständig mit ihr lerne und Hausaufgaben mache und, dass das sozialistische Bildungssystem nicht für mein Kind geeignet ist. Dieser wurde blass, schnappte nach Luft, erklärte, er könne das jetzt aber nicht so stehen lassen, erhob sich und ging. Wie jeder wusste, war das sozialistische Bildungssystem das Beste überhaupt, wie ja auch die sozialistische Gesellschaft die bessere war!

Einige Tage lang befürchtete ich das Schlimmste für mich und dann wurde ich tatsächlich in die Schule bestellt. Dort eröffnete man mir, die Schule werde ab sofort eine Lehrerin für mein Kind freistellen, um mit diesem täglich zu üben. Damit würde man mir beweisen, dass es allein an mir liege, dass das arme Kind nichts lernt. Ich war froh, das guten Ausgangs für mich und hielt mich mit meiner Meinung zurück, dass dies nichts nützen wird. Sechs Wochen hielt die Lehrerin durch, dann wurde das Experiment wegen Wirkungslosigkeit abgebrochen. Mein Kindchen hatte nun Narrenfreiheit in der Schule. Sie konnte machen, was sie wollte und wurde irgendwie durchgeschleust. Ihr Sozialverhalten aber blieb problematisch.

Beim Kindergeburtstag weigerte sie sich mit den eingeladenen Kindern zu spielen, um am nächsten Tag auf der Straße vor den Nachbarn zu weinen, weil keiner mit ihr gespielt hätte. Irgendwann spielte dann wirklich niemand mehr mit ihr.

Stiegen im Frühjahr die Temperaturen, beharrte sie auf das Tragen ihrer Winterkleidung, während sie im Herbst keine wärmeren Sachen anziehen wollte. So manches Mal sprachen mich die Leute an, um mich darauf hinzuweisen, dass eine warme Pudelmütze im August doch nicht die richtige Bekleidung sei. T. wusch sich nicht, sie zog auch mit 11 Jahren noch ihre Pullover links herum an und zog die Schlüpfer fast bis zum Hals hoch. Jeden Morgen kämpfte ich einen erschöpfenden Kampf, um dieses Kind einigermaßen normal in die Schule entlassen zu können. Jeden Morgen war ich schon früh völlig fertig. Bis ich es sein ließ, nicht mehr eingriff und sie auf die Straße ging, wie sie nicht hätte schlimmer aussehen können. Meine Erwiderung „Du stinkst ja auch!“, nachdem sie weinend aus der Schule kam und schluchzend erzählte, die anderen Kinder würden sagen, sie stinkt, brachte sie dann doch dazu, sich wenigstens äußerlich einem Mindestmaß an Normalität anzupassen. Doch es blieb problematisch. Sie hatte keine Freundinnen und niemand wollte etwas mit ihr zu tun haben. Auch ihr Vater war nach der Scheidung froh, dass er sie nur ein Mal im Monat zu sehen brauchte.

Die jüngere Schwester wurde irgendwie alleine groß, da meine ganze Aufmerksamkeit auf die ältere gerichtet war. Freunde von mir hielten T. für behindert und rieten mir, sie in der Charité in Berlin vorzustellen. Ich aber wollte nicht, dass das kleine Kind unter Medikamente gesetzt wird oder in eine Anstalt kommt. Vielleicht war das ein Fehler.

Auch heute hat sie mit nun 40 Jahren keine Freunde. Heute…das heißt nicht erst seit heute, sondern seit vielen Jahren, erzählt sie jedem, ich hätte sie nicht geliebt, sondern nur ihre Schwester, sie hätte als Kind nichts zu essen bekommen, sie hat als Kind nicht die Toilette benutzen dürfen, so dass sie aus dem Fenster machen musste…

Vor einigen Jahren brach ich den Kontakt zu ihr ab. Es war und ist sinnlos, mich um sie und ein gutes Verhältnis zu bemühen. Über 35 Jahre lang stand sie im Mittelpunkt meiner Aufmerksamkeit und das ist einfach zu lange. Seit ich sie nicht mehr sehe, geht es mir wesentlich besser…