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Der erste Frost kam letzte Nacht und bereifte Gräser und Laub. Er blieb am Boden haften, so dass Dahlien und Tomaten verschont blieben. Noch im Dunkeln stehe ich auf, füttere Katzen und mache Feuer. Nach dem Kaffee das Übliche, meditieren, abwaschen, aufräumen. Aufräumen ist heute den ganzen Tag angesagt, endlich einmal die vielen kleinen Arbeiten erledigen, die sonst gerne liegenbleiben.

Den Weinstock beschneiden, die letzten grünen Tomaten ernten, das große Fenster vom Gewächshaus neu verkitten, auf das Dach steigen und die Solarplatten reinigen, das Gartentor notdürftig reparieren, das geschlagene Holz aus dem Wald holen, sortieren und stapeln, endlich das Spielzeug der Kinder wegräumen und die Fläche vor dem Gartenzaun vom Unkraut befreien und schauen, ob von den dort in die Erde gesteckten Johannisbeeren eine überlebt hat.

Gegen halb zwei sitze ich im Hemd in der Sonne und begeistere mich am verhaltenen Vogelgezwitscher inmitten einer unendlichen Stille. Es ist Zeit mich hinunter an den Fluss zu setzen. Dort werde ich plötzlich von starkem Vogelgeschrei eingehüllt. Ich brauche einen Moment bis ich die Vogelschwärme über mir entdecke. Einer fliegt erwartungsgemäß als Vogel-V, genau genommen sind es drei Vogel-Vs ineinander geschachtelt, der andere dreht sich sich als lose Wolke um sich selbst. Es scheint sich um die gleichen Vögel zu handeln, die sich dort oben so unterschiedlich verhalten. Die einen ziehen zielstrebig und geordnet über dem blauen Himmel, so dass sie langsam immer kleiner werden. Die anderen drehen sich laut schreiend in der Sonne und driften dabei in die entgegengesetzte Richtung ab. Vielleicht genießen sie einfach nur ihr Dasein, denkt es in mir, und haben darüber vergessen, dass sie nach Afrika fliegen wollten.

Ich schaue nach oben bis der Nacken schmerzt. Dann gehe ich wieder in den Wald, um die Holzklumpen einen nach dem anderen nach unten zur Hütte zu werfen. Das erscheint Dir vielleicht mühsam, wenn Du das hier liest, doch es ist die effektivste Methode. Wenn ich Glück habe, rollt so ein Holzstück bis zur Hütte hinunter. Dieses Glück kommt zwar selten, weil der Schwung meistens durch Sträucher und Steine abgebremst wird, doch auch einen Fünfer im Lotto hat man ja nicht alle Tage. Wie wäre das Leben langweilig, wäre alles effektiv und optimal. Und wie langweilig wäre ein Fünfer im Lotto.

Im davonfliegenden Vogelschwarm liegt eine lebendige Eleganz, vollendete Schönheit, die keinen Zweifel lässt. Regeln und Ziel bilden eine sich ständig neu formende Einheit. Als ich wieder in den Garten komme, schwebt die Vogelwolke genau über mir, eine scheinbar ziellose Form, aus der laute Rufe schallen, die einzelnen Vögel um einen imaginären Mittelpunkt kreisend, nach oben stoßend, von dort wieder nach unten fallend. Hier fehlt mir zielgerichtete Klarheit, wie ich in meinem eigenen Leben das Fehlen von Zielen bedauere. Und doch bin ich fasziniert. Was ist der Zweck des Ganzen? Ist es die pure Freude am Flug, am Sonnenschein, genießen sie die warme Luft über der bunten absterbenden Vegetation? So scheint es zu sein, pure Freude als Lebenszweck. Solch ein lohnenswertes Ziel ist fast vergessen heutzutage.