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In den engen Gassen mit den vielen Geschäften, durch die die Touristen laufen, sitzt schon seit Jahren eine sympathisch wirkende Frau auf dem Boden und hält ihre Hand auf. Vielleicht wären sie unter anderen Umständen Freundinnen. Vielleicht wird sie sich einmal daneben setzen, wie sie es vor Jahren in Berlin bei den Bettelnden machte, und sie nach ihrer Geschichte fragen.

Die beiden Gitarrenspieler klappen gerade erst ihre Stühle auf, sie sind spät dran heute. An einer Bushaltestelle wartet ein dicker Mann, dessen Arme und Beine völlig mit Tätowierungen bedeckt sind. Kurz überlegt sie, ob sie ihn um ein Foto bitten soll, entscheidet sich aber dagegen. Das Netz ist mit Fotos von Tätowierten gefüllt, wie mit allem anderen auch.  Zu viele Bilder, zu viele Geschichten, nichts erscheint noch besonders. Langsam löst sich Originalität in der Masse der Informationen auf. Wenn jeder sich zu etwas Besonderem entwickelt, sind wieder alle gleich und niemand fällt auf. Kurios irgendwie.

Aus einem Impuls heraus kehrt sie in den Lidl ein. Der Laden ist ziemlich leer, denn der Zahltag für Sozialhilfsempfänger liegt einige Tage zurück. Sie schlendert zwischen mehr oder weniger gefüllte Einkaufswagen durch die Reihen, schaut auf die bunt gefüllten Regale und horcht in sich hinein, ob sie etwas kaufen möchte. Zitronen vielleicht, doch auch hier kostet das Kilo jetzt vier Euro. Noch als sie vom hinteren Teil des Ladens auf die Kassen zuläuft, ist ihr klar, dass der Sicherheitsmann am Ausgang sie kontrollieren wird. Sie macht sich verdächtig, wenn sie nichts kauft. Doch wer klaut, der kauft wenigstens eine Flasche Wasser. Das weiß sie von einer Bekannten, die einmal die Woche zum Klauen Supermärkte besucht. Der Sicherheitsmann hält sie an, als sie an ihm vorbeigehen will und bittet, in den Rucksack schauen zu dürfen. Sie nimmt ihn ab und öffnet das Hauptfach. Hineinschauend sagt er, er wolle auch die Nebenfächer sehen. Ihr Rucksack hat sieben davon. Eines nach dem anderen öffnet sie und lässt ihn Taschentücher, Feuerzeuge, Schlüssel, Brille, Tabak, Fotoapparat, Portemonnaie und das kleine Buch sehen, in das sie unterwegs hineinschreibt. Obwohl es in einem orientalischem Muster gebunden ist, fragt er, ob das die Bibel sei und es ist ihm ernst damit. Sie verneint und er bedankt sich zufrieden für den Ausflug in ihre Privatsphäre.

In der Gasse gegenüber vom Lidl ist ein neues Graffiti hinzugekommen.

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Sie steht davor und überlegt, ob es Absicht des Künstlers war, der einen Hand sechs Finger zu geben? Vielleicht sehen wir hier gar keine Hände, sondern die Köpfe verwirrter Aliens. Wie sollen sie, die von weit herkommen, diese Welt auf Erden verstehen, wenn dies noch nicht einmal ihr gelingt. Auch wenn es lustig anzuschauen ist, erschließt sich ihr die Absicht des Künstlers nicht.

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