Sie steht eine Weile vor den sich auf dem Platz ausbreitenden Tischen, um den passenden zu wählen, bis sie sich für einen Zweiertisch im Schatten am Rand entscheidet. Von dort aus lässt sich das Geschehen gut beobachten. Das ist ihr nun geblieben, denkt sie, ein Platz am Rand, von wo aus sie dem Leben zuschauen kann. Dem Leben der anderen. Sie lebt nicht mehr, aber sie wandelt noch. Und sie weiß nicht, wem sie den Vorzug geben soll, dem Leben oder dem Wandeln. Von hinten hört sie lebhafte Gespräche, Lachen und ein ruhiges Kommentieren. Aus dem Restaurant nebenan tragen zwei Männer viereckige, schwarze Sonnenschirme auf den Platz und stellen einen nach dem anderen auf. Sie sind unermüdlich damit beschäftigt, denn es sind viele Schirme.

Bei einer lächelnden Kellnerin bestellt sie ohne nachzudenken einen Milchkaffe. Die Wasserspiele auf dem Platz sind von Lieferwagen für die Gemüsestände verstellt. Neben einem der Autos ist sorgsam ein Paar Schuhe abgestellt worden. Ein Neger schlendert über den Platz und setzt sich an den Nebentisch schräg gegenüber. Laut singt und deklamiert er, das sei Frankreich, es lebe Frankreich, der Sommer ist so schön…

Sie lächelt. Die Kellnerin stellt ihr den Kaffee auf den Tisch, ein Glas Wasser und den kleinen Teller mit der Rechnung. Der Mann neben ihr bestellt ein Bier und singt weiter. Sie schüttet den Zucker in ihre Tasse, rührt um und hebt die Tasse aus der braunen Lache von der Untertasse. Ein leichter Wind spielt mit der aufkommenden Hitze und weht die Zuckerpapiere vom Tisch. Der Neger nimmt sein Bier und sucht sich einen Tisch in ihrem Rücken, von wo sie ihn weiter singen hört.

Heute darf man nicht mehr Neger sagen, denkt sie, doch ihr fällt kein passender Ersatz für dieses Wort ein. Vielleicht Afrikaner, Schwarzafrikaner, Schwarzer…? Früher sagten alle Neger und es gab diese köstliche Süßigkeit Negerkuss, die bei ihr größte Sympathien für Neger weckte. Es schien ihr unvorstellbar, würde so eine feine Sache Deutscherkuss benannt werden. Bilder von Bierbäuchen und Halbglatzen tauchen vor ihr auf. Schnell wendet sie ihre Gedanken neuen Bildern zu. Zwei dicke Frauen in großblumig bedruckten Kleidern suchen sich nebenan Pfirsiche aus. Auch Zuckermelonen legen sie mit wichtigen Mienen in ihre Taschen, denn das Leben ist eine ernste Sache.

Eine Frau in einem grünen Kleid läuft hektisch vorbei und macht vor dem kleineren Gemüsestand halt. Sie verstaut Möhren, Zwiebeln, Salat und Artischocken in brauen Papiertüten und schichtet sie in ihren Buggi. Dann hetzt sie an den größeren Stand. Der Afrikaner beglückt die Leute weiter mit seinem Gesang und ein kleiner Mann, dessen kariertes Hemd offen steht, macht an ihrem Tisch halt. Er beugt sich hinunter und bittet um 10 Centimes. Er lebe auf der Straße, sagt er und er sei 60 Jahre alt. Wozu diese Information gut sein soll, fällt ihr nicht ein, doch sie will ihm etwas geben. Während sie sich hinunter zum Rucksack beugt und nach dem Portemonnaie kramt, sagt er, es können auch zwei Euro sein oder wenigstens einer. Sie fischt einige Münzen aus dem Portemonnaie, es mögen 25 Centimes sein und legt sie ihm in die geöffnete Hand. Er schaut missmutig darauf und fragt nach weiterem Geld. Langsam schüttelt sie den Kopf und der Mann schlurft verdrossen weiter. Wieder muss sie lächeln.

Die Frau im grünen Kleid vervollkommnet ihre Einkäufe mit Tomaten, Gurken und Zucchini und läuft mit gefüllter Tasche schnell davon. Die Sonne scheint still und lässt die Schatten langsam über den Platz gleiten. Links von ihr sitzt jetzt ein mittelalterliches Pärchen und fotografiert. Das wird sie jetzt auch tun, denkt es in ihr. Sie legt zwei Münzen auf den Teller, sieht auf der Rückseite der einen den strengen Adler prangen und dreht ihn schnell weg, als könnte er sie verraten. Dann nimmt sie ihren Rucksack und überquert langsam den Platz, bis sie in die Schatten auf der anderen Seite taucht und verschwindet.

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