Was bleibt?

Die Kirchturmuhr schlägt Mittag, auf der fernen Straße fahren Autos vorbei und die Zikaden knallen ihren Rhythmus durch die warme Luft. Ich sitze nach der vormittäglichen Arbeit im Garten im Schatten. Gestern las ich einige ältere Texte von mir und fand erstaunt, dass ich heute nicht anders denke als vor zehn, vor fünfzehn Jahren. Was ich damals schrieb, könnte ich auch heute noch so schreiben. Nur drängt es mich heute nicht mehr danach.
Hat sich in all den Jahren nichts geändert? Ist in all den Jahren nichts passiert? Habe ich diese Zeit umsonst gelebt? Ich werde nachdenklich. Viele Bücher habe ich gelesen, viele Gedanken gedacht, meditiert, mich diszipliniert und Übungen gemacht, sogar einige Seminare besucht. Soll all dies nichts bewirkt haben?

Es bleibt die Erkenntnis, dass ich schon lange, vielleicht sogar schon immer (?) dachte, was ich heute denke. Wozu dann habe ich gelebt? Ich lebte in der Hoffnung, etwas zu finden, nach dem ich suchte, obwohl mir nicht wirklich klar war, was das ist, das ich da suche. Ich suchte, was mir zu fehlen schien, fühlte ich doch eine tiefe innere Unvollkommenheit, irgendetwas, was ich nicht benennen konnte. Aus diesem unbestimmten Fehlen heraus wirkte ein Bestreben nach dem, das ich nicht hatte und dem ich keinen Namen geben konnte. Es war mein Verstand, der dieses Fehlende benannte. Er erfand die Idee, dass ich Mutter, Ehefrau, Partnerin, Künstlerin werden sollte. Würde ich mich erst als Malerin präsentieren, Bilder ausstellen und verkaufen, dann hätte ich die Erfüllung. Also tat ich, was sich mein Verstand ausdachte. Wie um mich in Beschäftigung zu halten, kam der gleiche Verstand immer mit neuen Ideen, wie, in den Wald zu ziehen, einen Garten anzulegen und zu bearbeiten. Auch musste ich versuchen, ein Musikinstrument zu erlernen. Später kam dann noch das Schreiben hinzu, was ich schon etwas gemäßigter anging. Mit den Jahren hatten sich Ehrgeiz und Erfolgsstreben gemindert, doch immer noch war die Hoffnung geblieben zu finden, das mich endlich vollends erfüllen würde. Irgendwann würde ich vielleicht finden, was die Suche beenden würde.

Wie materielle Besitztümer nicht glücklich machen, so können es auch Tätigkeiten nicht und keine Berufsbezeichnung. Die Äußerung, ich bin Künstlerin, oder Schriftstellerin, ich bin Gärtnerin oder Mutter, schmeichelt dem Ego nur zeitweilig. Selbst die Freude an kreativer Tätigkeit nahm mit der Zeit ab, denn wozu sollte ich Bilder malen, wenn sie letztlich niemand erwerben wollte? Doch, ich verkaufte mitunter sehr gut. Auch machte ich einigen Menschen Freude, in dem ich ihnen ein Bild schenkte, so glaube ich zumindest. Doch die Mehrzahl der Werke verstaubte in irgendwelchen Mappen hinter Schränken und in Abstellräumen. Das macht keinen Sinn.  Überdies wurde mir mit der Zeit klar, dass es immer nur meine Sicht der Welt ist, die sich in den Bildern äußerte, Ausdruck meines Egos und das fand ich zunehmend peinlich. Konnte ich etwas malen, was nicht durch mein Ego ging? Ich glaube, dazu fehlte es mir an Reife und an fehlender Gottverbundenheit.

Da war es mit dem Schreiben schon anders. Ein Druck auf die entsprechende Taste auf dem Computer und alles löste sich in Nichts auf. Wieder vor einem weißen Bildschirm sitzend, völlig rein, konnte ich dem hinterherdenken, das mir weise und unvergänglich schien. Auch das als eine Illusion erkennend, war es doch weniger dinglich und ließ sich augenblicklich wieder löschen. Es ließ sich sozusagen fast immateriell und ohne Folgen schreiben. Das gab dieser Tätigkeit einen Vorteil, den ich woanders nicht entdecken konnte.

Was macht den Unterschied zwischen damals und heute? Er besteht darin, dass es mich heute nicht mehr drängt, Bilder zu malen und Texte zu schreiben. Die Hoffnung eine Schriftstellerin zu werden habe ich aufgegeben. Es interessiert mich nicht mehr, wie es mich auch nicht mehr interessiert, Künstlerin zu sein oder Geliebte oder Hausbesitzerin oder irgendetwas anderes. Diese Dinge sind mir gleichgültig geworden.

Dann haben die vergangenen Jahre nichts anderes gebracht als die Erkenntnis, dass das, wonach ich einst strebte, nicht mehr erstrebenswert für mich ist? Wenigstens liegt darin etwas Witziges.

Was bleibt?

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38 Kommentare zu „Was bleibt?

  1. „Nichts macht dich glücklich bis Nichts dich glücklich macht.“ Jeff Foster

    Was bleibt, ist Erinnerung. Wir sind nur Erinnerung. Gedanken…

    Ob wir mit oder ohne Etwas auf die Welt kommen, oder ob wir zufällig oder mit Schicksalen zu leben haben ist eine Identifaktion mit unserer Interpretation. Der Mensch benötigt wohl eine Identifikation und diese ist Ausdruck seiner Realitätserfahrung. Was er erfährt nimmt er wohl als wahr an, heißt ja auch „Wahrnehmung“.
    Mit unseren Gefühlen zusammen legen wir dann die Bedeutung fest. Dann ist das so.

    Die Suche oder das Leid oder wie immer man es nennen möchte hört auf, wenn sie überflüssig, nicht mehr notwendig geworden ist. Das passiert oder eben nicht. Man kann nichts tun und tut vermeintlich doch etwas.

    Ich für meinen Teil sehe die Dinge gleichgültig. Alles ist gültig zu sein. Das Negative kann ohne Positives nicht existieren und so geht alles Dingen in dieser dualen Welt. Ohne Pech kein Glück etc..

    Gleichgültigkeit ist für mich das Recht auf Existenz der Gegensätze und deren gesetzmäßiger Vereinigung. Ich bin nicht das oder das, oder die Dinge sind so oder so, ich nehme es nur „so“ wahr. LG

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    1. …ist das jetzt fatalistisch?

      …wenn alles gleich gülitg ist, dann ist Unglück oder was ich dafür halte gleich dem Glück oder was ich dafür halte…dann ist jedes Streben sinnlos? …dann ist böse gleich gut?

      Das glaube ich nicht. Alle oder wenigstens die meisten streben nach Vervollkommnung, nach etwas Glücklichsein oder nach Liebe o.ä. Ich kenne niemanden, der nach Armut, Hunger. Krankheit und Ausgesondertheit strebt. Es ist also nicht gleich.
      Ich glaube, dass es so etwas wie ein meistens unbewusstes Streben nach dem Feinstofflicherem gibt, im Grunde wollen wir die materielle Ebene überwinden, nur wissen es viele nicht und haften daher ihr Wollen an irdische Dinge.
      Dein Eingangszitat lässt sich so deuten: „Nichts macht dich glücklich bis Nichts dich glücklich macht.“

      …macht mich nichts Irdisches mehr glücklich, dann gelange ich vielleicht zu einem überirdischen Glück, das außerhalb irdischer Einflüsse und Bedingungen steht…

      lg

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      1. Ich meine das nicht fatalistisch. Ob Schicksal oder Zufall, da habe ich keine Antwort.
        Auch meine ich nicht, dass das eine gut ist und das andere schlecht. Wir können das eine nur durch dessen Gegenteil kennen und erfahren haben. Mit gültig meine ich die Wertigkeit seiner Existenz. Wie der einzelne unschöne oder schöne Situationen bewertet oder deutet legen letztendes seine Gefühle fest.
        Es gibt kein überirdisches Glück, solange du irdisch bist. Auch gibt es keinen dauerhaften Zustand, egal wie er aussieht. Alles geht vorbei. Alle Erscheinungen gehen vorbei.
        Wir kommen aus dem Nichts und gehen wieder zum Nichts. Oder, die Gleich:gültigkeit wird dich die Balance zwischen den Extremen lehren können.

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      2. …ich glaube nicht, dass wir aus dem Nichts kommen und in das Nichts gehen…als ganz kleines Kind erinnerte ich mich an ein Leben vor der Geburt, wie ich in einem Zwischenzustand war und dort war alles Harmonie…
        …ich denke, es gibt viele Seinsebenen, von denen die materielle dir gröbste ist, alle Ebenen durchdringen sich, also die feineren wirken in die festeren Ebenen hinein…und es gibt ein unbewusstes Bestreben der Menschen zu den feineren Ebenen hin…daher empfinden wir Situationen entweder als besser oder schlechter, wie sonst könnten wir werten?
        Sicher kann eine Balance zwischen den Enxremen angestrebt werden, aber die Aufhebung der Gegensätze besteht in deren Überwindung auf einer höheren Ebene…und dort finden sich auch wieder Gegensätze innerhalb einer anderen, feineren Energie…usw.

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      1. …ja, aber wollen sie es hören? …meine kinder fragen mich nur in Notfällen um Rat und das ist auch in Ordnung so, die Zeiten, wo Familien noch zusammen wohnten und arbeiteten und abends am Tisch Erlebnisse aus vergangener Zeit weitergegeben wurden, sind endgültig vorbei…das finde ich schade…aber es ist eben eine andere Zeit…

        liebe Grüße!

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      2. meine Kinder sind auch nur ab und zu an meinen Erfahrungen interessiert, aber eben ab und zu. Dafür sind andere junge Leute interessiert, nicht an den ganz persönlichen Dingen, aber an den Fähigkeiten, die ich im laufe des Lebens erarbeitet habe, geistige und körperliche….immer nur homöopathische Dosen, aber immerhin…Dir einen schönen Tag!

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      1. …das hört sich gut an und trifft sicher auf ganz kleine Kinder zu, die noch nicht verbildet wurden…aber, jedes Kind bringt doch vorhergegangene Erfahrungen mit, die ungleich sind…also, ich glaube/weiß, dass wir viele Male geboren werden…insofern sind unsere Erfahrungen vielschichtig, auch die der Kinder…

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  2. Dein Text – gut, dass du ihn geschrieben hast. Da ist nichts Abgestandenes, Verstaubtes dran. Ich höre dein.unruhiges Herz klopfen, als wäre es meins. Oft spreche ich wie eine weise Frau – das tust du auch -, aber das sind Sprüche, mit denen ich mir Mut zuspreche und mir selbst auf die Schulter klopfe. Innenschau – nach Außen gehen – Karriere machen – anderen Menschen auf die Sprünge helfen – es ist alles nichts, wenn das Herz nicht von Liebe erfüllt ist. Nur was von der Liebe berührt ist, ist lebendig. Drum sehnen wir uns nach Gott, in dem wir die Quelle aller Liebe vermuten. Alles wäre gewonnen, wenn wir in der Liebe leben könnten.

    Da ist dieser wunderbare Paulus-Brief an die Korinther ….

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    1. Liebe weise Frau,

      …nichts, was ohne Liebe getan wurde, wurde wirklich getan…auch wenn dies manchmal im Alltag vergessen wird, wo einfach alles funktionieren soll…klar…so glaube ich, dass ich vieles mit, aber auch zu viel ohne Liebe getan habe…so denke ich aber, dass in jedem Menschen die Liebe selbst wohnt…wenn Gott sich durch uns zu verwirklichen sucht, dann will sich auch die Liebe durch uns verwirklichen, wir müssen sie nur in uns selbst entdecken, freischaufeln von all dem Müll, den wir im Denken und Fühlen nicht brauchen, aber auch heilen, verzeihen…und zuerst sich selbst verzeihen…damit Liebe fließen kann, denn sie lebt ja schon in uns…ich habe den Eindruck, wir denken da ähnlich…

      …sehnen wir uns nicht nach dem Göttlichen, weil wir uns abgetrennt fühlen und aus diesem Grund unvollkommen? …auch da sollten wir verwerfen, was uns trennt, denn beenden wir die Trennung, fühlen wir uns angenommen und geliebt…

      …Danke für den Tipp, ich werde die Briefe lesen…

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      1. Insbesondere den einen, den berühmtesten, der auch als „Hymne an die Liebe“ bezeichnet wird. Ich habe sie, von einem wunderbaren Psalten gesungen, einmal auf dem traurigen Gelände eines Stadions in Korinthos gehört ….

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  3. Ich habe derzeit auch ähnliche Gedanken.
    Mittlerweile finde ich, dass alles suchen und tun im Außen nicht die „Erfüllung“ bringt, da finden wir nicht den „Sinn“.
    Suchen und Aktionismus bringt uns scheinbar nicht wirklich weiter.

    Aufmerksam sein, schauen, nach innen schauen und FINDEN…so ist jetzt mein Weg geworden, ohne dass ich was dazu getan habe.

    Und ob was bleibt, das ist mir egal.

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      1. Ja, das habe ich auch so verstanden.
        Ich kann auch mit dem Außen nichts mehr anfangen.
        Langeweile ist ein Zeichen dafür, dass was Neues kommt, sagte mal eine Freundin zu mir….könnte was dran sein.

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      2. …na dann mal schauen, ich schaue schon aufmerksam…als ich meine unbezahlten Jobs kündigte, dachte ich auch, es kommt nun etwas Neues…aber ich warte immer noch darauf…vielleicht ist ja das Neue nun, dass nichts Neues kommt…?

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      3. JA!

        wie ein Freund letztens ganz wunderbar sagte:
        Du bist nicht gestorben, weil Gott noch was vor hat mit dir und wenn du irgendwann stirbst, dann isses okay, denn dann bist du für dieses Leben fertig.

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      4. und ich hatte grad auch wieder so’n Flash – mitten beim Paprika schneiden überfiel mich schlagartig die Sehnsucht – Sehnsucht nach Natur – Sehnsucht nach einem anderen Leben – guck mich unwillkürlich um – seh, da sind Kommentar-Benachrichtigungen – wusste sofort, von wem 🙂

        guck mal für mich mit in die Weite – ich hab mir ja was eingeprägt – vom letzten Berge-Urlaub – eine Szene, das ist gut, die ist immer noch da…

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  4. …es muss nichts bleiben, es ist sogar besser, wenn nichts bleibt, nur, ich beginne mich zu langweilen…ein spiritueller Lehrer sagte einmal, dass es gut ist, wenn das Ego beginnt, sich zu langweilen, dann nimmt es ab…

    …uns muss jeder Wunsch erfüllt werden sagte Yogananda…aber, uns wird auch hinzugegeben…also wer eine gewisse Stufe erreicht hat, dem wird der letzte Teil abgenommen…es gibt so etwas wie die Gnade Gottes…

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    1. eben 😉

      und ich schätze mal, von Abenteuer hättest du wahrscheinlich schnell wieder genug – kannste nicht mal irgendwo hin fahren oder so – mitten rein in’s Chaos und dann schnell wieder zurück flüchten in die Langeweile ?

      Ist manchmal besser, es einfach zu tun….

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      1. …eine Superidee, wir hätten sicher viel Spaß miteinander, doch ich kann gerade eh nicht wegfahren…ich denk, ich geh mal ein bisschen in die Berge, so oben, dem Himmel näher schaut man weiter und bekommt einen anderen Blick auf die Welt…

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  5. Ich glaub, der Trick ist, dass eben nichts bleiben muss.

    Letztens sagte jemand in einem Gespräch „Ich schätze, ich muss noch vier mal geboren werden, bis ich ganz gereinigt bin“.
    Freedom’s just another word for nothing left to lose.
    Man sagt, für jeden unerfüllten Wunsch musst du noch mal wieder geboren werden, damit der erfüllt werden kann.
    Besitz ist Schwerkraft.
    Wünsche machen unfrei.
    Je mehr man hat umso mehr will man haben.

    Die Liste ähnlicher Sätze lässt sich unendlich fort setzen….

    Wir kommen – materiell und körperlich gesehen – mit Nichts auf die Welt und können auch Nichts mitnehmen, wenn wir sie wieder verlassen.

    Wir kommen aber nicht mit Nichts auf die Welt.
    Wir bringen mit unser Schicksal und alles, was wir in früheren Leben schon gelernt und erfahren haben.
    Und das kann nicht weniger, das kann nur mehr werden.
    Was wir einmal gelernt haben, können wir nicht wieder verlieren.
    Alles haben, Wollen, „Sein“ dazwischen fällt unter „Jede Erfahrung ist eine Erfahrung“, hat aber keinen Wert an sich, ist nur Lern-material, Mittel zum Zweck.

    Ergo würd ich mal sagen – je weniger bleibt, umso näher sind wir dem Sprung auf die nächste Stufe.

    Die Letzten werden die Ersten sein 😉

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    1. Wir kommen aber nicht mit Nichts auf die Welt. Wir bringen mit unser Schicksal und alles, was wir in früheren Leben schon gelernt und erfahren haben.Und das kann nicht weniger, das kann nur mehr werden. Was wir einmal gelernt haben, können wir nicht wieder verlieren.

      Unterschreibe ich Dir 🙂

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