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Sie fühlt sich so leer, dass sie wie von Leere überfüllt sich nicht mehr selber kennt. Keine Grenzen geben ihr Gestalt, keine Gefühle einen Halt, kein Gedanke einen Sinn. Wie liegengelassen hängt sie schlaff über dem Sofa und stiert vor sich hin.
Schon viel zu lange geschieht nichts.
Sicherlich ist es besser so.
Bewegungslos bleiben.

Doch irgendetwas stimmt nicht. Ob ihre Zellen miteinander kommunizieren, ohne es sie wissen zu lassen? Vielleicht ist die Verbindung zwischen ihr und ihrem Hirn gerissen, hat es sich von ihr gelöst, denkt ohne sie. Wer aber ist sie dann? Kann sie von einem Ich sprechen, wenn keine Gedanken und Gefühle sie bestimmen, sie dafür unerreichbar geworden ist? Ist ICH nur noch ein von Fleisch und Fett umhüllter Knochenhaufen?
Vergebens horcht sie. Es bleibt zu denken, dass sie nichts zu denken weiß. Wozu auch. Hat es jemals genützt, dass jemand dachte? Sie könnte sich etwas ausdenken, wie den Nachbarn zu ärgern oder die Lebensform der Menschen zu ändern, noch schnellere Produktionsmittel erfinden oder noch höhere Käsekuchen. Das ist vorstellbar, doch würde dadurch etwas besser?
Nichts ist sicher. Es ist anzunehmen, dass eine Art Gefühl, wenn auch in der Tiefe verborgen, noch vorhanden ist, das sie dieses Leben leben lässt, das bestimmt, wann sie auf den roten Knopf drückt oder den schwarzen, wann sie sich Chips in den Mund schiebt oder den Kopf zum Fenster wendet, denn manchmal wendet er sich. Dieses Gefühl, das sie nicht die Tür öffnen lässt, wenn es klingelt oder aber doch. Es herausfinden zu wollen, welcher Art dieses Gefühl ist, wird unmöglich sein und wenn doch, was täte es nützen oder ändern? Fragen helfen nicht weiter, sind sinnlos und lästig.
Von selber drücken ihre Finger den roten Knopf. Rot ist er, damit er sich heraushebt aus der Masse der Knöpfe, sofort zu sehen ist und nicht verfehlt wird bei der unumgänglichsten Handlung, auch ist er anschmiegsam griffig, damit sie gern darauf drückt, damit sie ihn liebt. Sie liebt ihn und drückt ihn und hält ihn warm in ihrer weichen Hand. Ein Menschengewirr erscheint, laut und aufdringlich schreit es auf sie ein. Es bewegt sich schnell und ohne erkennbares Ziel. Die Leute grüßen nicht und benehmen sich, als wäre sie nicht vorhanden, als säße sie nicht hier auf dem Sofa vor dem Tischchen auf dem die Chips stehen. Sie beobachtet sie genau, wenn auch mit einem gewissen Misstrauen, aber sie wollen sie nicht kennen lernen, sie wollen nicht einmal Chips kosten und tun obendrein so, als störte es sie nicht, wenn sie ihnen zuschaut.
Es ist ihnen zur Gewohnheit geworden, sich nicht mit Menschen zu beschäftigen, statt dessen ihre Gesichter vor der Kamera zu verziehen. Echt sind sie nicht, denn alles Wirkliche kam abhanden und ließ leere Häute wie angeschmierte Masken zurück. Gefärbt und gestrichen sind sie, drapiert mit Kleidung und gaukeln vor, sie lebten, dabei ist unübersehbar, dass sie zum Fernsehmaterial geworden sind.
Sie gewöhnte sich an ihre Fratzen genauso wie an ihre Lügen und kann inzwischen nicht mehr ohne Lügen leben, denn dass sie lügen beruhigt sie. Würde von diesen Lippen Wahrheit kommen, erschiene ihr diese Wahrheit wie eine Lüge und sie hätten ihre Eindeutigkeit eingebüßt, was den Umgang mit ihnen erschwert hätte. Lügen beruhigen, denn zu Lügen muss sich niemand verhalten, empören oder einmischen. Lügen werden übersehen, weil sie den Alltag nicht durcheinanderbringen.
Doch woher weiß sie, dass sie lügen? Kann sie sich sicher sein? Es nachzuprüfen, scheint unmöglich, denn wie sollte eine diesbezügliche Prüfung aussehen? Ihr fehlt der Vergleich. Es ist nicht möglich, zu sagen, was diese Staffagen dort tun, da es keinen Sinn ergibt und ihre Worte nicht zu deuten sind. Diese dort leben ein von ihr so gänzlich verschiedenes Leben, eines, welches sie weder kennt noch sich irgend vorstellen kann. Nur in dem Moment, wenn sie Chips essen, fühlt sie sich ihnen ähnlich, aber das kommt selten vor. Abgefunden hat sie sich damit und lässt alles wie es ist, denn ein Wille würde ebenso wenig ändern wie eine Absicht.
Sie starrt auf die Scheibe. Auch Kameras haben keinen Standpunkt mehr. Es gelingt nicht, ein stilles Bild aus menschlicher Sicht einzufangen. Nein, sie verlagern Achsen, wenden sich rechts und links, so dass Figuren schwanken und diagonal durch das Bild pendeln. Eine Schnittstelle hackt alle Sekunde auf ihre Gehirnmasse ein und macht aus dem einst einheitlichen Stück Walnuss in der Kopfschale einen Hackbrei.
Verzogene Lippen schreien durch ihre Stube, die die Laute aufnimmt und speichert, nicht wieder hergibt, so, als würde sie sie fressen und gefangen halten wie kleine Tiere, die von Wand zu Wand springen bis sie mit sich selbst zusammen stoßen und sich als Klänge dumpf überlagern. Tonschwaden wabern zwischen Wänden hin und her. Immerzu stoßen sie gegen ihren Körper. Voller wird es, da nichts entrinnen kann. Jede Serie schickt weitere Töne in den Raum, so wird es stickig, enger, immer enger.
Manchmal, selten, denn sie erhebt sich nur gezwungenermaßen, öffnet sie das kleine Fenster, das sich oben unter der Decke befindet. Dann entfahren die Töne, ziehen mit einem Pfeifen durch die entstandene Aluminiumritze in die Atmosphäre, in das draußen herrschende Tonvakuum. Ließe sie alle Luken zu, erstickten sie sich gegenseitig eines Tages, erstickten sie irgendwann mit ihrer Tonmasse.
Sie nimmt die Fernbedienung und drückt auf den linken Knopf in der fünften Reihe von oben, der diesmal unauffällig schwarz ist, damit sie ihn nicht sofort findet und die Staffagen eine Chance bekommen, sich weiter zu äußern, darauf hoffend, sie könne es sich noch überlegen und den Knopf doch nicht betätigen. Sie drückt den Knopf und der Lärm verschwindet.
Tonlos öffnet ein Öffner an dem eine abgeschnittene Hand klebt eine Bierflasche, während ein von rechts kommender Schriftzug Frohsinn verspricht und von links ein Glas erscheint, in das eine weitere abgeschnittene Hand Bier schüttet. Noch ehe sie sehen kann, was weiter geschieht, prügeln sich Männer in einem Stadion, hauen sich wütend in Gesichter bis ein an seinen Fingern saugender Säugling erscheint. Dann explodiert ein Auto. Sie erkennt keinen Sinn und niemand soll versuchen ihr beizubringen, dass darin ein Sinn liegen könnte oder die Wahrscheinlichkeit besteht, dass sich zu irgendeinem Zeitpunkt, der nicht vorausgesagt werden kann, ein Sinn ergäbe. Sie wünscht auch keinen Sinn zu sehen, denn würde sich eines Tages das Geschehen deuten lassen, müsste sie sich dann nicht bloßgestellt fühlen? Jeder Sinn ist abzulehnen. Ein Sinn erschwert das Leben.
Ein weißer Sturm fegt über den Schirm und bläst alles für den Bruchteil einer Sekunde fort. Sie könnte den Kopf drehen, einfach zur Seite drehen oder sich zur Wand wenden, sich von dem Geflacker nicht weiter berühren lassen. Das wäre möglich. Sie tut es nicht. Sie könnte es wenigstens versuchen und versucht es nicht.
Ein wenig später dreht er sich doch zum Fenster, ihr Kopf, zur Scheibe, durch die ein runder Mond scheint, blass und uninteressiert. Er schaut zu ihr herein auf den Fernseher. Es ist so still, das Bild hinter der Fensterscheibe, so unaufdringlich still, als wolle es keine Aufmerksamkeit fordern, als würde es auch ohne Aufmerksamkeit bestehen. Das verwirrt sie.
Es benötigt keine Beachtung, weil es auch unbeachtet bleibt und unbeachtet für sich selber steht. Wenn sie nicht hinschaut, wird es vermutlich ebenso vorhanden sein. Mit Sicherheit kann man es nicht wissen, denn sobald ihr Blick wieder vom Fernseher gefangen ist, kann sie die Scheibe am Himmel vor dem Fenster nicht mehr erkennen. Also kann sie nicht bestimmt sagen, dass sie dort noch zu finden ist. Ja, vielleicht existiert ausschließlich, was sie gerade vor Augen hat, während sich alles Übrige in eine graue Unbestimmtheit zurückzieht so lange, bis sie es durch ihren Blick wieder hervorholt. Möglicherweise wirft sie die Bilder auf Scheiben, weil Scheiben sie dazu verleiten, Bilder durch ihr Hirn nach außen zu projizieren, weil sie ohne Bilder nicht sein kann.
Sie blickt auf ein in seiner Blutlache liegendes Nashorn, als das Telefon klingelt und ihr Kopf sich wieder gerade aus richtet. Sie vergaß, das Klingeln abzustellen. Sie geht nie ans Telefon und tut es auch diesmal nicht. Sie hasst Telefonklingeln ebenso wie Türklingeln und Briefe bekommen. Sie hasst jedes erinnert werden an eine Außenwelt, die sie glücklich ist, vergessen zu haben. Alle wollen sie nur aufscheuchen, ihr ihre Ruhe austreiben und in ihr Leben eingreifen, wollen sich ihr aufbürden, sich mit ihren Umständen in ihrer Körperlichkeit aufdrängen.
Wer wohl sollte auf die Idee gekommen sein, bei ihr anzurufen? Es fragt sich, ob überhaupt ein Mensch von ihr Kenntnis hat und gleichzeitig über ihre Telefonnummer verfügt. Nein, es ist auszuschließen, dass dies der Fall sein könnte. Niemand weiß von ihr. Sollen die anderen sich doch um sich selber kümmern. Sie kümmert sich nicht um sie und kann Gleiches von ihnen erwarten. Schon früher hatte sie Scheu vor den Anderen, seit einiger Zeit fürchtet sie sie.  Vielleicht auch fürchtete sie sie von Anbeginn an und war sich dessen nicht bewusst? Sie denkt, die Anderen werden ihr schaden, obwohl sie nicht sagen kann, wie sie sie schädigen könnten. Es ist, alles in allem nicht sicher, ob es eine Bedrohung überhaupt gibt, da keine Beweise dafür vorhanden sind und doch ist sie nicht zu leugnen. Das Klingeln endet und sie atmet erleichtert aus.
Sie müsste es abstellen, dazu sich erheben, sich zu dem Apparat begeben und die kleine Taste rechts unten nach links schieben. Sie will sich erheben, aber sie erhebt sich nicht. Sie gibt ihrem Körper Befehle, aber er befolgt sie nicht.
Seit Wochen schon bemerkt sie diese schwindende Willenskraft. Selten nur gelingt es, ein Vorhaben in eine Handlung umzusetzen. Ihr Körper bewegt sich weniger und weniger, obwohl sie ihn fast ausschließlich sich selbst überlässt und es unterlässt, sich einzumischen. Sie lässt ihm die Freiheit, unbeeinflusst zu sein. Was tut er? Er sitzt auf dem Sofa und sitzt, weiter nichts. Sie weiß, er müsste aufstehen und die kleine Taste schieben, damit sie einem nochmaligen Klingeln entgeht, aber alle Einsicht zu handeln reicht nicht aus, die Tat ausführen zu lassen.
Der Bildschirm fordert ihren Blick, als könnte er nicht ohne sie flackern. Ihre Hand greift vor sich in die Schüssel und fährt mit fettig-salziger Mundbeschäftigung zwischen ihre Lippen, die diese genüsslich sich vorwölbend ergreifen, zwischen die Zähne ziehen, die nur darauf warten, wie riesige gegeneinandergestellte Hämmer aufeinander zuschlagen, um alles zu zerstückeln, zu zerkleinern, während im Hintergrund die feuchte Zunge lauert, sich wälzend des Breies zu bemächtigen, um ihn dem Schlund zu zu transportieren. Sie arbeiten ohne sie, ohne zu fragen, ohne abzuwarten. Sie braucht ihnen nicht zuzustimmen. Sie benötigen sie nicht mehr. Ihr Kopf und ihr Körper, darin sind sie sich einig, sind von ihr abgespalten.
Der Daumen drückt den schwarzen Knopf, so dass der Ton sich wieder einschaltet. In ihrer Stube schluchzen zwei Menschen vor einem Grab. Sie berühren sich an den Fingerspitzen. Alles macht was es will. Eine alte Frau steckt grüne Bonbons in ihre Handtasche, ohne ihr einen anzubieten und hinter Baumkronen zeigt sich Abendrot. Sie erinnert sich nicht, vor ihrem Fenster Baumkronen gesehen zu haben, obwohl sie sie deutlich vor dem Bildschirm sieht. Das Abendrot überzieht ihre Wände, legt sich auf das Sofa, Chips und ihren Körper bis das Verschwinden der Sonne sie frieren lässt.

Die zwei Menschen sind immer noch da. Sie haben sich auf ihre Couch gesetzt, sind eingesunken in die Kissen und blicken sie fragend an. Als wenn sie etwas wüsste. Niemand weiß was los ist.

Starr hält sie die Augen auf den Bildschirm gerichtet.
Sich nichts anmerken lassen.
Nichts anmerken lassen.