Schlagwörter

, , , , , , ,

rumi bild.jpg

Maulana Dschelaleddin Rumi verstarb am 17. Dezember 1273 in Konya. Er gilt heute noch als der bedeutendste persische Mystiker und Dichter. Die Schönheit und Intensität seiner tiefsinnigen Liebesmystik beeinflusste später geborene Poeten, und macht ihn bis in unsere Gegenwart zu einem der meistgelesenen Dichter.

Was ist das Besondere an Rumis Lyrik? Seine Verse sind Ausdruck reiner Liebe. Sie spiegeln den göttlichen Gedanken in einer Klarheit, der unabhängig von Religionen und Konfessionen in den menschlichen Herzen wirkt. Das führt zu einer Faszination, die sich über Jahrhunderte erhalten hat und gerade heute, wo sich viele Menschen wieder intensiv auf der spirituellen Suche befinden, verstärkt in Erscheinung tritt.

Himmelwärts zu fliegen,
jeden Augenblick tausend Schleier zu zerreißen,
unser Herz von den sichtbaren Dingen zu lösen
und nicht nur zu sehen, was uns sichtbar scheint…
Das ist Anfang und Ende jeder mystischen Reise.

O Seele, sagte ich, möge dies ein Segen sein für dich:
Ich bin Teil der Liebenden
Und kann weiter blicken, als mein Auge reicht.
Nun kann ich die Windungen des Herzens erkennen…

Sein Sinn hat alles Spaltende überwunden, in seiner Mystik begegnet uns die Essenz Gottes, das, was allen Religionen gemeinsam ist, wobei er sich selbst weise und bescheiden zurückhält. Rumi will uns nicht für sich vereinnahmen, stellt keine Anforderungen, will nicht vorschreiben oder Nutzen aus etwas ziehen, er vermittelt den wesentlichen Kern dessen, was wir Liebe nennen und kleidet es in vollendete Schönheit, völlig bedingungslos. Diese Kombination hat etwas Heilendes, es versöhnt unsere verletzten Seelen mit dem Sein und vereint uns mit dem Urgrund. Wir dürfen wieder sein, wie wir sind und werden in unserem Sein bedingungslos geliebt. Dem können wir uns nicht entziehen. Das ist es, wonach sich unsere Seele verzehrt.

Teil von Dir

…ob trunken und verwirrt,
sind wir doch Teil von dir.
Ob schwach und haltlos,
sind wir Teil von dir.
Ob Moslem, Jude oder Hindu,
in welcher Form wir auch erscheinen,
wir bleiben mit dir EINS.

Wohin ich mich drehe,
wohin ich auch gehe, sehe ich dich.
In Bergen, in Flüssen, in endlosen Wüsten,
in Meeres Gezeiten und himmlischen Weiten,
wohin ich auch sehe,
wohin ich mich drehe, erkenne ich dich.

Jugend und Werdegang

Dschalal ad-Din wurde 1207 als Sohn des angesehene Predigers, Juristen und Sufi Baha’uddin Walad, in Balch, das im heutigen Afghanistan liegt, geboren und dürfte schon zeitig von seinem Vater unterrichtet worden sein.
Doch unstet zeigte sich seine Kindheit. Schon mehr als hundert Jahre lang hatte die katholische Kirche Europas ihre Kreuzzüge gen Osten geschickt, um eines weiteres Vordringen des Islam zu verhindern und grausame Gemetzel verursacht, als der Mongolenherrscher Dschingis Khan seinerseits in Richtung Westen stürmte, um möglichst viel von Gottes Erde zu erobern. Die Familie Rumis musste 1219 vor den Kriegswirren fliehen und zog mehrere Jahre umher, bevor sie sich in Konya, das in der heutigen Türkei liegt, niederlassen konnte, wo Baha’uddin Walad an der Madrasa Universität zu lehren begann.
In Konya studierte Rumi unter seinem Vater islamische Wissenschaften und übernahm nach dessen Tod den Lehrstuhl. Er unterrichtete, dichtete und sprach außerdem Recht. Bald genoss er großes Ansehen bei den Bürgern seiner Stadt und Umgebung. Er war verheiratet, hatte mehrere Kinder und führte ein geordnetes Leben in Wohlstand.

Die Erschütterung seiner Seele

Sicherlich wäre Rumi nicht zu seiner heutigen Berühmtheit gelangt, wäre ihm nicht eines Tages ein unbekannter Wanderderwisch begegnet, Schams-e Tabrizi, der sein Leben zutiefst beeinflusste. Mehr und mehr Zeit verbrachte er im Gespräch mit dem neuen Freund und begann, seine Geschäfte, die Familie und Verpflichtungen zu vernachlässigen. Er sah in Schams seinen Lehrer, seinen geliebten Freund, seine Inspiration und schließlich eine Liebe, die ihn gänzlich erfasste und durchdrang.
Schams-e Tabrizi war ein persischer Mystiker, ein Sufi, der dem Wanderorden angehörte. Er lebte mehrere Jahre im Hause Rumis in Konya. Dass ihr verehrter Maulana, wie seine Bewunderer Rumi nannten, ihnen seine Aufmerksamkeit entzog und einen dahergelaufenen Wanderderwisch zu seinem Lebensmittelpunkt machte, erweckte Neid und Missgunst, so dass Schams sich mit Feindseligkeiten auseinandersetzen musste. Er verließ schließlich Rumis Haus und die Stadt. Rumi blieb in tiefer Trauer zurück.
Nach dem ersten Verschwinden von Schams soll Rumi seinen älteren Sohn hinterher geschickt haben, um ihn zu suchen und zurückzuholen. Dies gelang ihm offenbar, denn Schams wurde mit einem Mädchen aus Rumis Hause verheiratet. Doch nach einiger Zeit verschwand Schams erneut und dieses Mal kehrte er nicht zurück. Es geht das Gerücht um, Schams sei ermordet und in einen Brunnen geworfen worden. Einer von Rumis Söhnen soll nicht unbeteiligt daran gewesen sein.
Rumis Trauer um Schams Verschwinden war ungeheuer groß. Gegenstand seiner Dichtung wurde zunehmend seine unstillbare Sehnsucht nach Schams-e Tabrizi. Er widmete seine Verse seinem Freund und behauptete, sie würden von ihm stammen. Damit wollte er deutlich machen, dass allein die Inspiration seines Freundes es ermöglichte, dass er solche Verse zu schreiben vermochte.

Die Liebe

Schams…der Unbekannte…bis heute können wir nicht ausmachen, was uns so unentbehrlich scheint, um einen Menschen zu bestimmen, Geburtsort und -zeit, Eltern und Werdegang…Die Äußerlichkeiten betreffenden Informationen über Schams fehlen fast gänzlich. Doch haben wir nicht ein viel wertvolleres Wissen über Schams? Das, was Schams uns durch Rumis Worte lehren will, verkörpert sein eigenes wortloses Sein in dieser Welt. Das Ego, das sich überall und immer in den Vordergrund drängt, uns sein Eigenleben aufzwängt und vorgibt, ohne es seien wir nicht existent, dieses Ego ist von Schams nicht überliefert. Es existiert nicht. Darin liegt kein Mangel, sondern genau darin ist seine Stärke zu erkennen und zweifelsohne ist das auch ein Grund, seiner Faszination, der der große Gelehrte und Dichter Rumi erlag.
Schams lebte, wovon er sprach und was er lehrte. Er stand als Person unsichtbar hinter seinen Worten, die der Gotteserkenntnis gewidmet waren und verdunkelte sie nicht. Rumi sah in ihm seinen Meister, seinen Gott und schenkte ihm Verehrung, während wir Gewöhnlichen uns in Verehrung vor Rumi neigen; Schams gebührt sie, würde Rumi uns noch heute sagen.

Welch ein Moment,
wenn wir im Palast sitzen, du und ich,
zwei Formen, zwei Körper, doch eine Seele, du und ich.
Die Farben der Blumen und der Gesang der Vögel sind unsterblich,
wenn wir den Garten betreten, du und ich.
Die Sterne des Himmels werden uns betrachten
Und für sie werden wir zum Mond, du und ich…

Natürlich wird immer wieder die Frage gestellt, ob die beiden weisen Männer, Sufigelehrten und Dichter sich ihrer Liebe körperlich hingaben. Doch diese Frage interessiert nur, solange wir selber noch der materiellen Ebene verhaftet sind.
Liebe wird erst jenseits aller Körperlichkeit zur wahren unvergänglichen Liebe, dann, wenn sie nicht mehr am Irdischen haftet und die materielle Ebene überwunden hat. In Rumis Liebe zu Schams drückt sich seine reine Gottesliebe aus. Endlich hat er einen göttlichen Stellvertreter auf Erden gefunden, den er in seiner ganzen Gegenwart lieben und verehren kann. Einer scheint ohne den anderen nicht existieren zu können, weil der Geist des einen sich im anderen spiegelt und sich erst dadurch gewahr wird und erkennen kann. Und so bezeichnete Rumi seinen Herzensfreund als seinen göttlichen Geliebten.
Auf dieser höchsten, reinen, geistigen Ebene der Liebe wird ihr körperlicher Ausdruck unwichtig. Es ist müßig, darüber zu spekulieren, ob die Freunde sich sexuell vereinigten, da es unwichtig ist, wenn eine solche Liebe einmal erreicht ist. Eine Liebe, in der der eine so sehr im anderen aufgeht, dass sie sich als Eines sehen und spüren, bedarf nicht der Bestätigung auf der materiellen Ebene.

Wir sind im Reich der Materie gefangen
Die materielle Welt ist in und um uns
Wer sind wir wirklich?
Wir sind Teil des Universums
Wir sind Betrachter und Handelnder
Wir sind passiv und aktiv
Wir sind Dunkelheit und wir sind Licht, Kreis und Mittelpunkt
Wir sind leichtende Perlen, wir sind der Ozean des Seins
Wir sind Schmerz, ohne Trauer, wir sind brennende Kerzen
Und die Essenz des Feuers
Von dort stammen unsere Tränen
Wir sind Suchende und sind auf der Suche nach der Essenz des Lebens
Die wahre Sonne bist du oh Schams Tabrisi, Perle aller Perlen…

In jeder Liebe auf Erden spiegelt sich der Glanz der allumfassenden göttlichen Liebe. Erst wenn wir verstehen, dass uns unsere Liebe, die wir Gottes Schöpfung entgegenbringen, adelt und erhebt, uns gleichsam in Gottes Nähe bringt, so dass wir an seinem Licht teilhaben können, werden wir Rumi in seiner ganzen Größe verstanden haben. (Die Verse sind Übersetzungen der Gruppe AHURA und wurden ihrer CD „Im Paradiesgarten der Liebe“ entnommen.)