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Ich blinzle vorsichtig und bemerke, dass Licht durch die Vorhänge dringt. Es ist also später als gewöhnlich. Während langsam – ganz langsam – mein Tagesbewusstsein hervortritt, höre ich keine Katzen draußen vor der Tür. Unendliche Stille. Völlig unerwartet. Das morgendliche Gemaunze bleibt aus. Das war noch nie so. Seit sich die Katzen vor Jahren bei mir niedergelassen haben, bestürmen sie mich jeden Morgen noch bevor ich richtig wach bin. Sie wollen fressen. Heute jedoch nicht. Dass sie plötzlich beschlossen haben zu fasten, ist nicht anzunehmen. Irgendetwas muss passiert sein.
Merkwürdig, denkt es in mir, ist es jetzt soweit, sind sie davongelaufen, haben sie sich in sichere Gebiete zurückgezogen, ihrer Ahnung folgend, dass hier jetzt gleich ein Erdbebentsuami ausbricht? Bekannterweise verfügen Tiere über die besseren Instinkte und diese sind noch aktiv, nicht durch Nachrichten von Monitoren verseucht, durch Werbung irre geleitet und Spielfilme eingedämmt. Normalerweise erheben die Katzen draußen ihre Stimmen, sobald sich die Morgendämmerung ahnen lässt. Ein grässliches Gejammer beginnt vor der Tür, als seien sie dem Verhungern nahe. Sie kratzen die brüchige Farbe von der Pforte und steigern ihr Katzengejammer bis ich mich endlich erbarme und die Futternäpfe fülle. Nicht so heute. Ich lausche noch einmal genauer hin und raschele mit der Bettdecke. Katzen hören unvergleichlich besser als Menschen. Aber nein, es ist nichts zu hören. Auch kein Hund bellt in der Ferne, dabei ist Sonntag Jagd und heute ist Sonntag. Und es bellt immer irgendwo ein Hund, vor allem dann, wenn es still ist. Heute nicht. Gerade ist es unvorstellbar still. Vielleicht die Ruhe vor dem Sturm, vor dem Beben. Nur einige Vögel piepsen, aber ihnen macht eine Erschütterung der Erde wenig aus, sie fliegen einfach darüber hinweg.

Wurde im Netz von einer Katastrophe berichtet, ob Erdbeben oder Tsunami, wurde gleichzeitig erwähnt, dass die Tiere schon Stunden vorher nicht mehr gesehen wurden. Das brannte sich mir in mein Gedächtnis ein und ich wollte nicht so dumm sein, wenn es hier bei mir soweit ist, mit dem Fotoapparat in der Hand nach dem optimalen Platz suchend auf das Festhalten der Katastrophe zu warten, sondern schnell das Terrain verlassen. Decken einpacken, Brot und Wasser, Streichhölzer, Messer und eine Plane, bei Sabine vorbeifahren und dann am schnellsten aus dem Gefahrenbereich heraus in Richtung Norden weg von Gebirgen und Meer, denkt es weiter. Ich müsste jetzt aufstehen und zur Tat schreiten. Aber wenn ich mich von Gebirge und Meer entfernen will, muss ich unbekannte Straßen fahren und keine Karte liegt im Auto. Eine solche sollte ich immer dabeihaben. Vielleicht ist es auch besser sich in Richtung Süden zu bewegen, die spanische Grenze zu überqueren, denn dort gibt es weniger Atomkraftwerke, ist doch Frankreich verseucht mit Atomenergie… Doch dann muss ich über eben dieses erbebengefährdete Gebirge fahren. Wie soll man wissen, was zu tun ist bei solchen Katastrophen? Ich bin schlecht vorbereitet, jedenfalls nicht gut genug. Ich bin sozusagen nichtkatastrophengewöhnt. Zu wissen, wie man Feuer macht und welche Kräuter essbar sind, reicht nicht aus, man sollte die Richtung kennen…

So drehen sich meine Gedanken auf verschiedene Weise. Ich sollte weniger denken und das Geschehen wirken lassen, denkt es nun. Wie wirkt das Geschehen, wenn nichts geschieht? Aber es geschieht immer etwas, was meiner Aufmerksamkeit entgeht, weil ich nicht aufmerksam genug bin. Inzwischen bescheint die Sonne die gegenüberliegenden Berge. Ich höre die Riesenpferde des Kuhbauern die Straße entlang galoppieren. Sie sind wieder einmal ausgebrochen. Ich weiß es, ohne hinzuschauen, weil sie immer ausbrechen. Dann erschallen zwei Männerstimmen, die versuchen, die Pferde zum Umkehren zu bewegen. Plötzlich höre ich ein Miau, leise erst, dann dringlicher und heute macht es mich richtig glücklich.