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Es tut gut zu meditieren, denkt sie, während sie ihre schmerzenden Beine reibt. Wenn nur die Durchblutung nicht immer stocken würde, wenn im Geiste die Stille einkehrt. Seit sie jeden Morgen vor drei Monaten in die Stille geht, ist sie viel friedlicher, ausgeglichener, ja, auf jeden Fall. Sie fühlt förmlich die Liebe zu allen Menschen in sich. Das macht sie glücklich, das macht sie gut.
Das Gefühl von tausenden Ameisen, die in ihren Beinen hin und her laufen wird langsam schwächer, so dass sie vorsichtig versucht aufzustehen. Heute meditieren die Fortschrittlichen, denkt sie, die, die an sich arbeiten, die ihren Geist entwickeln wollen und ihre Persönlichkeit.

Ja, sie ist viel ruhiger, seit sie meditiert. Überhaupt ist Frieden in ihr Gemüt eingekehrt. Es war ein Glücksfall, dass sie die esoterische Zeitschrift entdeckte und die guten Buchempfehlungen darin. Jetzt liest sie. Plötzlich verspürt sie einen Hunger nach Bildung und plötzlich weiß sie auch, weshalb sie lebt. Sie strebt nun nach der allumfassenden Liebe, das ist ihr klar geworden. Und sie fühlt sich mehr und mehr richtig von Liebe beherrscht, durch und durch. Küssen könnte sie alle Menschen!

Das spüren auch die Arbeitskollegen. Neulich sagte einer hinter ihrem Rücken, dass sie freundlicher geworden sei. Sie kocht ja nun auch immer den Kaffee für alle und wäscht hinterher die schmutzigen Tassen ab, freiwillig. Sogar die von Albert, den sie nicht leiden kann. Zuerst kostete es sie Überwindung, doch dann wurde ihr innerer Widerstand schwächer und schwächer. Heute tut sie es gern. Auch Albert ist ein Mensch, auch er wird sein Päckchen zu tragen haben. Und nicht jeder hat die Kraft und die Reife, so an hart sich zu arbeiten, wie sie.

Ja, innere Schwäche kann man niemanden vorwerfen, Charakterschwäche ist angeboren. Auch wenn vor Gott alle Menschen gleich sind, so gibt es doch die, welche nach Licht und Liebe streben und eben die anderen, die materiell ausgerichtet sind. Materielle Dinge interessieren sie zum Glück nicht. Geld ist ihr völlig egal, ja, sie könnte ganz ohne Geld leben, das würde ihr nichts ausmachen. So wie Jesus in die Wüste gehen und beten, nur beten und weiter nichts. Das muss herrlich sein, so herrlich befriedigend, sich völlig dem Gebet und Gott hinzugeben.

Glücklicherweise gehört sie zu denen, die sich entwickeln wollen. Darauf ist sie heimlich stolz. Das kann sie auch, denkt sie und greift zu ihrem neuesten Buch über die Entwicklung von Geist und Gefühl.
„Im Verzeihen liegt eine große Kraft“, liest sie und denkt, das würde der Christiane auch mal gut tun, wenn sie solch wertvolle Literatur lesen würde. Aber die ist ja völlig uninteressiert und dumm, die würde das sowieso nicht verstehen. Wenn die nicht so unwillig wäre, dann hätten sie ein gutes Verhältnis, das wäre sicher, sie wäre jedenfalls daran interessiert. Aber die blöde Kuh denkt ja nicht daran, sich freundlich und fair zu verhalten. Das war schon immer so. Schon als Kind hat sie sich immer das größte Stück Kuchen genommen, rücksichtslos und egoistisch.

Und später dann das Erbe. Hat sie sich doch eingeschmeichelt beim Onkel Manfred, ihn gepflegt bis sie nicht mehr konnte und das nur wegen seinem Geld. Ganz dünn ist sie in dieser Zeit geworden und übernächtigt, aber sie musste es ja unbedingt tun. Das Geld hat sie dann auch bekommen natürlich, sein ganzes Erbe, sie ganz allein. Und abgegeben davon hat sie keinen Pfifferling, die alte Geizhälsin, dabei hat die eh schon genug.

Sie interessiert das ja nicht. Das Geld ist ihr ja völlig egal, doch widerlich ist es trotzdem, dass Christiane so hinter dem Geld her ist. Sie mag solche Charaktere nicht, prallgefüllt mit Falschheit und ausschließlich auf den eigenen Vorteil bedacht.
Na, das wird sie schon zurückbekommen eines Tages. Für alle Taten gibt es einen Ausgleich, das weiß sie aus den Büchern. Da muss sie sich keine Sorgen machen. Eines Tage wird sie vom großen Unglück ihrer Schwester erfahren, dann ist ihr vielleicht das Haus abgebrannt oder einer hat bei ihr eingebrochen und alles ausgeraubt. Das ist gut möglich. So etwas passiert. Was sie verdient hat, hat sie verdient. Ja so ist das. Sie hätte da kein Mitleid. Ihr wäre das piepschnurzegal.

Aber meistens haben ja die Dummen und Gemeinen Glück, denkt es in ihr. Sicherlich wird gar nichts passieren, sicherlich wird es der Christiane immer gut gehen, die fällt immer irgendwie auf die Füße. Das Leben ist eben ungerecht. Aber sie trägt es tapfer, ihr Schicksal. Starke Charaktere wie sie werden eben durch schwere Leben auf die Probe gestellt. So muss sie hart arbeiten für das, was sie hat, während anderen wie ihrer Schwester der Rahm des Glücks von alleine zufließt.

Und die denken nur an sich. Wenn sie könnten würden sie ihr noch das bisschen nehmen, das sie hat. Solche Menschen müsste man einsperren, verbieten, massakrieren. Denen sollte man es mal zeigen! Man müsste die Menschheit vor solche bewahren. Umbringen, ja, wenn sie es genau betrachtet, sollte man sie…und plötzlich fährt ihr ein wohliger Schauer durch den Körper….ahhh, wie gut das tut!