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…geborene Hübner, wurde am 17. Dezember 1898 in Berlin geboren. Morgen wäre sie 117 Jahre alt geworden. Sie starb 1987 mit fast 89 Jahren. Wahrscheinlich wäre sie noch älter geworden, hätte ihre Tochter, meine Mutter, sie nicht gegen ihren Willen in ein Altersheim verfrachtet. Dieses Foto zeigt meine Großmutter, fotografiert wahrscheinlich 1899:

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Als meine Oma geboren wurde, fuhren Pferdefuhrwerke auf den Straßen Berlins. In den Wohnungen brannten Gas- und Petroleumlampen. Weder Telefon, noch Radio oder Fernsehen waren bekannt und gekocht wurde mit Holz und Kohle auf gemauerten Herden in den Küchen. Bäder waren nur in den Wohnungen der Bessergestellten zu finden. Man wusch sich in kleinen Waschbecken, in der Waschschüssel oder ging in ein öffentliches Wannenbad.

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Hier ist Lucie mit ihren Eltern Karl Ernst Hübner und ihrer Mutter Anna geborene Naujok zu sehen. Sie blieb das einzige Kind ihrer Eltern und wuchs behütet und wohlerzogen auf. Ihr Vater war als Nachtwächter, der abends durch die Straßen lief und die Sperrstunde ausrief, eine geachtete Person.

Meine Oma überlebte zwei Kriege mitten in der großen Stadt. Als der erste Weltkrieg ausbrach, war sie 16 Jahre alt. Sie erzählte vom Kohlrübenwinter, einer Zeit, als es außer Kohlrüben nicht viel Essbares gab. Alles wurde aus Kohlrüben hergestellt, sogar im Brot waren Kohlrüben enthalten. Während der Mann, den sie später heiraten sollte, als Soldat auf Schlachtfeldern kämpfen musste, überstand sie den ersten Krieg relativ unbeschadet.
Lucie lernte Mandoline spielen und führte kunstvolle Stickereien aus. Sämtliche Wäsche für Betten, die Handtücher und Tischdecken bestickte sie mit Monogrammen und verzierte besondere Stücke wie Kopfkissen, Vorhänge und ihre Blusen mit Lochstickerei.
Wie es sich für ordentliche Mädchen gehörte, besuchte sie eine Haushaltsschule. Gerne wäre sie Köchin geworden, doch leider vertrugen ihre Augen nicht den Rauch, wie er von den mit Holz und Kohle beheizten Herden ausging. Daheim war sie bis an ihr Lebensende eine ausgezeichnete Köchin. Sie wurde in eine Buchhandlung zur Lehre gegeben. Mir erzählte sie später, dass sie jeden Tag weinte, weil sie ihre Tage zwischen all den staubigen Büchern verbringen musste, ihre Mutter aber unerbittlich war und sie jeden Tag wieder dorthin schickte. Sie musste diese Zeit überstehen. Nach Beendigung ihrer Lehre fand sie auf dem Berliner Zeppelinflughafen in Berlin-Johannistal als Sekretärin Arbeit.
Sie verlobte sich und entlobte sich wieder, weil ihr vermeintlich Zukünftiger in Schweigen verfiel, sobald Probleme auftauchten. Es gefiel ihr nicht, dass er dann schmollte und nicht mit ihr reden wollte. Einige Jahre blieb sie ohne Freund und richtete sich darauf ein, nicht mehr zu heiraten.

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Meine Oma (rechts) mit Emmi.

In einer Sylvesternacht lernte sie meinen Opa kennen. Bei Freunden eingeladen, griff sie sich eine dort stehende Gitarre, die meinem Opa gehörte und sang und spielte darauf los. Oskar war sofort von Lucie angetan und brachte sie nach der Feier nach Hause. Als sie nachts bei Lucies Eltern ankamen, bat Lucie ihren Verehrer einzutreten und sich aufzuwärmen. „Wat bringst du denn da fürn schwindsüchtgen Kerl!“, soll ihre Mutter zu ihr gesagt haben, als sie ihren Schwiegersohn das erste Mal sah.
1926 heiratete sie meinen Großvater Oskar Klix. Sie bezogen eine kleine Wohnung in der Spreestraße in Berlin Schöneweide, ein und ein halbes Zimmer, Küche, Speisekammer und Innentoilette. Diese Wohnung bewohnten sie bis an ihr Lebensende.
Der herrschenden Arbeitslosigkeit wegen wurde verordnet, dass es keine Doppelverdiener geben solle. Von Ehepartnern durfte nur einer arbeiten gehen. Da mein Großvater mehr verdiente als meine Oma, entschieden sie, dass sie zu Hause bleiben solle. 1932 wurde ihre Tochter geboren. Sie blieb ihr einziges Kind.

Hier sind Lucie mit ihrem Mann Oskar und Lucies Eltern Anna und Karl zu sehen:

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Oskar war mit Ausbruch des zweiten Krieges am 1. September 1939 eingezogen worden. Auf den Straßen Berlins fuhren nun zwischen den Pferdefuhrwerken Autos und die meisten Haushalte hatten einen „Volksempfänger“. Dies war ein kleines würfelförmiges Radio, das noch lange Zeit nach dem Krieg bei meiner Oma in der Küche stand. Aus diesem Radio ertönten erst Geobbels und Hitlers Stimmen, nach dem Krieg dann hörte sie den Berliner Rundfunk. Lucie besuchte weder eine Kirche, noch trat sie einer Partei bei. Sie glaubte nicht an eine göttliche Macht und nicht an eine parteiliche.

Meine Oma war die einzige aus der Familie, die vom Krieg erzählte, von den vielen Nächten im Luftschutzkeller, von der Evakuierung aufs Land, vom Hunger und den Verwundeten auf den Straßen. Sie sammelte Melde und Brennnessel in den kleinen Parkanlagen an der Spree, um damit den Hunger etwas zu dämpfen. Die Bombenangriffe auf die Bevölkerung Berlins begannen 1941. Sie und ihre Tochter schliefen in Mänteln im Bett, um bei Bombenalarm schnell in den Luftschutzkeller rennen zu können.
Ihr Mann hatte ihr einen Plan gegeben, auf dem die Planquadrate von Berlin eingetragen waren, so dass sie am Radio sitzend hören konnte, wo die nächsten Angriffe zu erwarten waren. Nächtelang saß sie vor dem Radio, um die Bewohner ihres Hauses noch vor der Sirene warnen zu können. Schnell rannte sie dann von Tür zu Tür in der Nachbarschaft, um die Menschen zu wecken.
Als ihre Tochter krank wurde, lief sie zu Fuß durch ganz Berlin zu einem Kloster auf der anderen Seite der Stadt, weil sie sich dort Hilfe erhoffte. Helfen konnte man ihr dort nicht. Sie erhielt eine Mahlzeit und durfte nichts mitnehmen. Heimlich wickelte sie die Kartoffeln in die Salatblätter und steckte sie für die kranke Tochter in ihre Manteltasche.
Lucie fuhr wie viele andere aufs Land hamstern. Ihren Familienschmuck tauschte sie gegen Kartoffeln und Eier. Einmal seien ihr alle Kartoffeln, die sie unter dem Bett gelagert hatte, während der Nacht erfroren, erzählte sie. Heizen konnten sie nicht, da weder Holz noch Kohle zu haben waren und durch die zerplatzten Fensterscheiben die Kälte in die Wohnung drang.
Nach dem Krieg kamen die Russen. Frauen und Kinder versteckten sich in den Kellern, während die Russen oben die Wohnungen plünderten und mitnahmen, was ihnen gefiel. Lucie hatte ihre Tochter mit einer Freundin zusammen in einem Kinderbett versteckt. Ihr Gesicht hatte sie mit Asche bestrichen, damit sie von Vergewaltigungen verschont blieb. Als die Russen in die Keller kamen und nach jungen Frauen suchten, schauten sie ihr ins Gesicht und winkten dann ab, sie sei zu alt. Die Mädchen in dem Kinderbett blieben unentdeckt.

Von meiner Großmutter lernte ich sehr viel. Sie war die einzige aus der Familie, die etwas Licht in die dunkle Vergangenheit brachte, über die niemand sonst reden wollte. So wusste ich schon bevor ich in die Schule kam, dass die Verhältnisse veränderlich sind und nicht stabil. Auch wurde mir bewusst, dass Menschen in Notzeiten eher auf dem Land überleben können. Meine Oma legte den Grundstein dafür, dass ich heute einen Garten habe und auch sonst bestrebt bin, möglichst unabhängig zu leben. Auch das Vertrauen in gespartes Geld nahm sie mir, indem sie von der Geldabwertung (die sogenannte Währungsreform 1948) nach dem Krieg berichtete. Alles Geld, das sie und mein Opa für die Ausbildung ihrer Tochter gespart hatten, verlor damit an Wert und war verloren.

Insgesamt betrachtet, hatte meine Oma sehr viel Glück. Gemeinsam mit ihrem Mann führten sie eine lebendige und gleichberechtigte Beziehung. Nie erlebte ich Spannungen oder eine Verstimmung bei ihnen. Es gab klare Regeln und Arbeitsteilung, wobei mir schien, es war eher meine Oma, die diese Regeln vorgab.
Ihr Haus wurde nicht zerstört und ihr Mann kehrte unversehrt aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Nach dem Krieg hatten sie noch viele gute Jahre. Sie konnten das Leben führen, von dem sie vordem träumten. Beide liebten sie die Musik und die Natur. Häufig gingen sie zu Konzerten und in die Oper. Wenigstens zwei Mal im Jahr machten sie Urlaub auf dem Land. Dabei nahmen sie mich als kleines Kind manchmal mit. Ich liebte sie heiß und innig.