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Die Tage ohne Nahrungsaufnahme vergehen einfach nicht. Bevor ich fastete verging die Zeit normal. Kaum hatte die Woche begonnen, war sie auch schon wieder vorbei. Was ich mir vornahm zu tun, schaffte ich nie. Die Zeit schien zu schrumpfen, wie um mich zu ärgern. Seit ich faste ist alles anders. Die Zeit schleicht dahin. Ein Tag erstreckt sich über gefühlte 72 Stunden.

Zudem ist mein Schlafbedürfnis aus den Fugen geraten. Abends bin ich munter, so dass ich nicht einschlafen kann. Nach einigen vergeblichen Einschlafversuchen gebe ich es dann auf und greife wieder zum Buch. Irgendwann nach Mitternacht schaffe ich es dann doch einzuschlafen, wache aber viel zu früh auf, ausgeschlafen. Da es mir unvernünftig vorkommt, um vier Uhr aufzustehen, beschäftige ich mich mit Entspannungsübungen und versuche – meist vergeblich – den unaufhörlichen Gedankenstrom abzustellen. Ab um fünf dann kann ich aufstehen, denke ich, das ist wenigstens im Sommer eine normale Zeit. Und dann liegt ein endloslanger Tag vor mir, der sich nun auch noch bis in die Nacht hinein erstreckt und so ganz ohne Essen. Wenn es doch wenigstens Sommer wäre…

Es geht auf Weihnachten zu und ich komme mir ein bisschen wie ein Kind vor, dass auf sein Geschenk wartet, so gerne möchte ich etwas essen. Nicht aus Hunger, denn den habe ich nicht, aus Lust am Essen. Tauchen in meiner Umgebung Nahrungsmittel auf, ziehen sie meinen Blick magisch an, so dass ich Bäcker, Gemüsegeschäfte und Restaurants meide. Dummerweise ergeht es mir genauso, wenn ich ins Netz schaue. Überall scheinen Menschen nur damit beschäftigt zu sein zu essen. Und wie gut das alles aussieht! Mich macht gerade alles an, ob es Spagetti mit Tomatensauce sind, Schwarzwälder Kirschtorte, Schweinebraten oder ein leckerer Gemüseeintopf. Ein frisches Baguette mit Käse wäre auch nicht schlecht…
Essen bedeutet ja nicht nur, den Magen zu füllen, Essen bedeutet zu riechen, zu schauen und zu schmecken. Und dann, wenn die Gier danach erwacht ist, zuzubeißen.

Aber ich halte durch. Der vierte Tag verlief sehr gut, ich sammelte Pilze und Feuerholz, saß in der Sonne am Fluss, besuchte Freunde, arbeitete im Garten und fühlte mich wohl. Der fünfte war zur Abwechslung etwas schwierig beim Aufwachen, Ich fühlte mich sehr matt und hatte den Eindruck, mein Körper würde gerade mit Giftstoffen überschwemmt. Es war etwa so, als würde mich eine Grippe erwarten, sämtliche Glieder schmerzten. Nach einem Einlauf und dem Morgenkaffee ging es besser. Aber das war ein Tag, an dem ich froh war, nicht arbeiten zu müssen, es wäre mir schwer gefallen.

Heute faste ich den sechsten Tag. Nach vier Stunden Schlaf wache ich ausgeschlafen auf. Ich fühle mich leicht und gut und denke: Dies ist wohl die längste Woche meines Lebens, erst der sechste Tag beginnt…