„In dem Augenblick, in dem man sich endgültig einer Aufagbe verschreibt, bewegt sich die Vorsehung auch. Alle möglichen Dinge, die sonst nie geschehen wären, geschehen, um einem zu helfen. Ein ganzer Strom von Ereignissen wird in Gang gesetzt durch die Entscheidung, und er sorgt zu den eigenen Gunsten für zahlreiche unvorherhergesehene Zufälle, Begegnungen und Hilfen, die sich kein Mensch vorher je so erträumt haben könnte. Was immer Du tun kannst oder wovon Du träumst, fang es an. In der Kühnheit liegt Genie, Macht und Magie.“

Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832)

Lasst uns 2016 beginnen, wonach wir uns schon lange sehnen.                      Ich wünsche allen ein gesegnetes neues Jahr!

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Die magische Drei

Auffällig ist, dass alles Wichtige in meinem Leben drei Mal geschah. Ich studierte drei Mal, bekam drei Kinder, hatte drei Männer – nicht Liebhaber, sondern Männer – lebte in drei Ländern, habe heute meinen dritten Garten und drei Katzen, die sich ungerufen zu mir gesellten, auch Enkelkinder sind es drei und werden wohl nicht mehr werden…Die drei stellt zweifelsohne in meinem Leben eine magische Zahl dar.

Mit den Zahlen hat es eine besondere Bewandtnis. Von uns gewöhnlicher Weise zum Zählen von Geld, zum Messen und Vergleichen gebraucht, hatten sie in früher Zeit, als für die Menschen noch Weisheit und Erkenntnis erstrebenswerter waren als das Abmessen und Wiegen von Dingen, als das Abzählen von kleinen wertlosen Metallstücken, eine spirituelle Bedeutung. Die Zahlen erklärten die Welt, die Geometrie stellte sie dar.

Am Anfang war das Einalles, was sich in das Eine und das Andere aufspaltete. Die Drei ist es, die die Zweiheit wieder einigte und etwas Neues hervorbrachte. In ihr verbirgt sich eine geteilte Vollkommenheit, die uns dabei hilft, das Alleine zu erkennen.
Die Drei ist Vereinigung und Ausdruck des schöpferischen Gedankens, Ausdruck von Geburt und Vielfalt, aus der Spaltung hervorgegangen, erhebt sie sich darüber und bildet eine neue, höhere Qualität. Sie erlöst uns aus der starren Zweiheit, aus Unbarmherzigkeit und Kompromisslosigkeit.

So baut eines auf das Andere auf. Es ist die Drei, mit der sich unsere materielle Welt darstellen lässt, die wir begreifen können. Wir menschlichen Wesen in einer Welt der Dualität geboren und durch sie geformt und bestimmt, finden in der Dreiheit unseren eigenen Ausdruck und unsere verlorene Vollkommenheit wieder. Hier müssen wir uns nicht mehr entscheiden, nicht mehr unterscheiden und nicht mehr trennen. Mit der Drei verlassen wir die durch zwei Punkte oder zwei Extreme bestimmte Gerade. Die Drei führt uns in die ebene Grundlage für unser unendliches Wirken.
Sie bildet die Basis und schenkt Stabilität. Kein Stuhl steht so fest auf jedem Untergrund, wie ein dreibeiniger. Drei Personen bilden eine Familie, drei Zeiten den Ablauf der Zeit schlechthin: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Mit drei Grundfarben lassen sich alle Farben mischen, drei Dimensionen stellen den Raum dar und Vater, Mutter, Kind eine Familie, die Grundlage für die Gesellschaft. Psychiater sprechen von Unterbewusstsein, Bewusstsein und Überbewusstsein.

Religionen sprechen von der Dreifaltigkeit Gottes, drei Könige beschenkten das Jesuskind mit drei Geschenken, drei Söhne hatte Noah und Jesus benötigte drei Tage bis zu seiner Auferstehung. In alten vorchristlichen Religionen wird die göttliche Mutter als dreifaltig dargestellt, in Jungfrau, Mutter und Greisin.

Es ist das dritte Auge, was über den zweien sich befindet und uns tiefer blicken lässt. Ein gewöhnlicher König hat drei Söhne, die sich zwischen drei Wegen entscheiden müssen, um drei Aufgaben zu lösen, die zu einem Ziel führen, zu Glück, Liebe und Wohlstand. Der Teufel hat drei goldene Haare und magische Rituale sind ohne die Zahl drei nicht durchzuführen.
Aller guten Dinge sind drei, wir klopfen drei Mal auf Holz, wiederholen „toi, toi, toi“, um jemandem Glück zu wünschen und Feen erfüllen uns drei Wünsche…

Als ich vor einigen Tagen früh auf die große Wiese trat, warteten dort drei rabenschwarze Krähen auf mich. Etwas später auf der leeren Straße standen drei Lamas, die vor dem Auto her liefen und dann links in ein Waldstück abbogen. Den restlichen Tag überlegte ich, welches wohl die dritte Tierart sein könnte, die nötig ist, um den magischen Kreis zu füllen. Zuletzt erst dachte ich an meine drei Katzen, die daheim auf mich warteten.

Ein kleiner Rückblick…

Heute haben wir den 29. Dezember. Glücklicherweise ist die Weihnacht vorbei, wie sie heute gelebt wird, die Zeit des geschäftigen Treibens der Menschen, der vollen Geschäfte und Straßen. Ruhe ist eingekehrt, Auszeit vor dem neuen Jahr, erst nach Sylvester geht das Leben weiter. Mir scheint, schon jetzt sind die Tage von mehr Licht erfüllt als vor dem Fest. Noch nie ging ein Weihnachten so spurlos an mir vorbei wie dieses und ich bin froh, dass das Leben sich mit neuer Energie fortsetzt.
Das vergangene Jahr war sehr merkwürdig. Etwas ging zu Ende, von dem ich noch nicht sagen kann, was genau es war. Auch wie es weitergehen wird, was an Neuem auftreten wird, erahne ich nicht. Stirbt etwas Altes, tritt unvermeidlich Neues auf, den frei gewordenen Platz zu füllen. Was aber wird dies sein?

2015 haben sich gleich mehrere Bestandteile meines Lebens aufgelöst, sind gestorben oder fortgegangen. Das Wichtigste war, dass zwei meiner Kinder sich auf anderen Kontinenten niedergelassen haben. Mein Sohn lebt und arbeitet nun in der Südsee, eine Tochter in Afrika. Bei beiden sieht es so aus, als würden sie nicht in nächster Zeit nach Europa zurückkehren, vielleicht nie wieder.
Zwei Freunde von mir starben, viel zu jung und viel zu früh. Ernst kannte ich seit vielen Jahren, genoss seine stete Hilfsbereitschaft und seine Gabe, das Leben zu genießen und anderen Menschen Freude zu bereiten. Er ertrank einfach so beim Baden in der Ostsee. Freunde zogen ihn sofort aus dem Wasser und versuchten ihn zu retten, vergebens.
Philip verzweifelte daran, dass sein Unternehmen pleiteging. Er war erst Mitte dreißig, offen für alles Unerwartete, klug und lustig. Niemals hätte ich ihm zugetraut, dass er seinem Leben selbst ein Ende setzen würde. Ich trauerte um beide mit ganzem Herzen. Sie werden jetzt glücklich im Himmel schweben und von dort ihre Lieben daheim auf der Erde beschützen.
Und meine beiden Jobs haben sich von mir verabschiedet, oder besser gesagt, ich mich von ihnen. Aus dem gleichen Grund löste ich mich aus beiden Verhältnissen. Ich arbeitete ohne Bezahlung in der Hoffnung, dass dies sich eines Tages ändern werde. Diese Hoffnung gab ich auf.

Jetzt habe ich unerwartet viel Zeit, denn erst jetzt wird mir klar, wie viel ich in diese Tätigkeiten investiert hatte. Ich machte diese Arbeiten sehr gern, mit Vergnügen sogar, was von meinen „Chefs“ schamlos ausgenutzt wurde. Insofern bedaure ich nichts, weder die Arbeit, noch das Ausscheiden aus dieser.

Ich habe plötzlich Zeit. Und ich habe einige Wünsche. Nun werden wir sehen, ob die gewonnene Zeit dafür bereit ist, meine Wünsche zu erfüllen.

 

Zwischenzeit

Kurz vor der weihevollen Nacht kommt sie, die Zwischenzeit, ich kenne es schon aus den vorangegangenen Jahren. Wie von selbst fällt alles Tun von mir ab. Ich liege brach, tatenlos, ideenlos in einer Art Vakuum. Nichts kann mich dazu bewegen, mich in Gang zu setzen, kein Interesse macht sich breit, weder in Gedanken noch im Fühlen. Nichts will sich in den Vordergrund drängen, während ich in mich hinein horche und nach Unternehmungen suche. Nichts. Nichts ist zu finden.
So etwa muss sich Winterschlaf anfühlen. Alles, was ich mir vorgenommen hatte für diese Zeit der Stille, ist von selbst verschwunden, ins Bodenlose versickert und dort stillgelegt. So aller Ideen brach, lausche ich in den stillen Wald, der sich seinerseits vom Lebendigen zurückgezogen hat, herausgenommen aus dem Leben. Ruhezeit. Graubraun stehen die Bäume während sich Nebel aus den Wolken hinabzieht und zwischen sie senkt. Auf diese Weise sind sie konserviert. Nicht einmal der Wind braust dazwischen. Selbst er, der Ruhelose, liegt irgendwo in tiefen Schluchten und wartet ab. Vergessen hat er sein Treiben, sein lustiges Spiel mit abgestorbenen Blättern und toten Ästen. Nun fallen sie willenlos.
Ihr leises Klacken, wenn sie beim Hinabsinken aneinanderstoßen, erinnert an sanften Regen. Doch es regnet nicht. Auch die Wolken sind zu müde, ihr Wasser zu entlassen. Sie verharren schweigend, setzen ihre Reise über einen blauen Himmel nicht fort. In dicken Schichten verdunkeln sie den Tag und schirmen ihn vor der Sonne ab, die ihre Freude auf der anderen Seite der Erde findet.
So bleibt es nun endlos lang. Nebelwesen schleichen um. Die Elfen legten sich mit den Blumen schlafen, kuscheln sich an Tulpenzwiebeln und träumen von der Auferstehung ihrer Glockenblumen. Ich tue es ihnen gleich, ziehe mich zurück und lasse Träume wachsen.

Ingwertee und Tee aus Apfelschalen und Zimt

Während des Fastens trank ich vor allem Tee aus Apfelschalen und Zimt und Ingwertee.

Für Ingwer gibt es sowohl als Gewürz als auch als Heilpflanze zahlreiche Anwendungen. Er wirkt erwärmend, verdauungsfördernd und schmerzstillend.
„In der Heilkunde des gesamten asiatischen Raumes verwendet man Ingwer zur Behandlung von Migräne, aber auch als Mittel zur Bekämpfung von Parasiten, die sich den Menschen als Zwischenwirt suchen…Ingwer kann Blutzuckersenkend wirken und macht das Blut dünnflüssiger. Er wärmt von innen heraus und belebt den Blutkreislauf…Wer Gallensteine hat, sollte Ingwer nicht anwenden.“ (aus „Kräuter in meinem Garten“ von Siegrid Hirsch und Felix Grünberg, Freya Verlag)

Tee aus Apfelschalen und Zimt

„Zimt wirkt magenstärkend, leberstärkend und wirkt antiseptisch, regt das Qi an und bringt Lebensenergie und Blut, die Gelenke werden positiv beeinflusst. Heilanzeigen gibt es bei Kälteanfälligkeit, Infekten im Anfangsstadium, bei Schulterschmerzen, Blasenentzündungen, Zahnschmerzen und Abszessen. Für die TMC (Traditionelle Chinesische Medizin) gehört Zimt zu den am häufigsten verwendeten Heilmitteln, da er insgesamt stärkt und die Vitalität anregt.“ (aus: siehe oben)

Apfelschale am Abend getrunken, ist ein natürliches Schlafmittel und stärkt die Nerven, außerdem ist er bei Fettsucht, Steinleiden, Herzschwäche und Anämie wirksam….Apfelbrühe ist ebenso wirksam, man zerkleinert den Apfel und bedeckt ihn mit kochendem Wasser, 10 bis 15 Minuten ziehen lassen. Das in und unter den Apfelschalen enthaltene Pektin reduziert die Bildung von Harnsäure, viel Kalium reguliert den Wasserhaushalt des Körpers.“ (aus: siehe oben)

Meine Oma Lucie Klix…

…geborene Hübner, wurde am 17. Dezember 1898 in Berlin geboren. Morgen wäre sie 117 Jahre alt geworden. Sie starb 1987 mit fast 89 Jahren. Wahrscheinlich wäre sie noch älter geworden, hätte ihre Tochter, meine Mutter, sie nicht gegen ihren Willen in ein Altersheim verfrachtet. Dieses Foto zeigt meine Großmutter, fotografiert wahrscheinlich 1899:

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Als meine Oma geboren wurde, fuhren Pferdefuhrwerke auf den Straßen Berlins. In den Wohnungen brannten Gas- und Petroleumlampen. Weder Telefon, noch Radio oder Fernsehen waren bekannt und gekocht wurde mit Holz und Kohle auf gemauerten Herden in den Küchen. Bäder waren nur in den Wohnungen der Bessergestellten zu finden. Man wusch sich in kleinen Waschbecken, in der Waschschüssel oder ging in ein öffentliches Wannenbad.

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Hier ist Lucie mit ihren Eltern Karl Ernst Hübner und ihrer Mutter Anna geborene Naujok zu sehen. Sie blieb das einzige Kind ihrer Eltern und wuchs behütet und wohlerzogen auf. Ihr Vater war als Nachtwächter, der abends durch die Straßen lief und die Sperrstunde ausrief, eine geachtete Person.

Meine Oma überlebte zwei Kriege mitten in der großen Stadt. Als der erste Weltkrieg ausbrach, war sie 16 Jahre alt. Sie erzählte vom Kohlrübenwinter, einer Zeit, als es außer Kohlrüben nicht viel Essbares gab. Alles wurde aus Kohlrüben hergestellt, sogar im Brot waren Kohlrüben enthalten. Während der Mann, den sie später heiraten sollte, als Soldat auf Schlachtfeldern kämpfen musste, überstand sie den ersten Krieg relativ unbeschadet.
Lucie lernte Mandoline spielen und führte kunstvolle Stickereien aus. Sämtliche Wäsche für Betten, die Handtücher und Tischdecken bestickte sie mit Monogrammen und verzierte besondere Stücke wie Kopfkissen, Vorhänge und ihre Blusen mit Lochstickerei.
Wie es sich für ordentliche Mädchen gehörte, besuchte sie eine Haushaltsschule. Gerne wäre sie Köchin geworden, doch leider vertrugen ihre Augen nicht den Rauch, wie er von den mit Holz und Kohle beheizten Herden ausging. Daheim war sie bis an ihr Lebensende eine ausgezeichnete Köchin. Sie wurde in eine Buchhandlung zur Lehre gegeben. Mir erzählte sie später, dass sie jeden Tag weinte, weil sie ihre Tage zwischen all den staubigen Büchern verbringen musste, ihre Mutter aber unerbittlich war und sie jeden Tag wieder dorthin schickte. Sie musste diese Zeit überstehen. Nach Beendigung ihrer Lehre fand sie auf dem Berliner Zeppelinflughafen in Berlin-Johannistal als Sekretärin Arbeit.
Sie verlobte sich und entlobte sich wieder, weil ihr vermeintlich Zukünftiger in Schweigen verfiel, sobald Probleme auftauchten. Es gefiel ihr nicht, dass er dann schmollte und nicht mit ihr reden wollte. Einige Jahre blieb sie ohne Freund und richtete sich darauf ein, nicht mehr zu heiraten.

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Meine Oma (rechts) mit Emmi.

In einer Sylvesternacht lernte sie meinen Opa kennen. Bei Freunden eingeladen, griff sie sich eine dort stehende Gitarre, die meinem Opa gehörte und sang und spielte darauf los. Oskar war sofort von Lucie angetan und brachte sie nach der Feier nach Hause. Als sie nachts bei Lucies Eltern ankamen, bat Lucie ihren Verehrer einzutreten und sich aufzuwärmen. „Wat bringst du denn da fürn schwindsüchtgen Kerl!“, soll ihre Mutter zu ihr gesagt haben, als sie ihren Schwiegersohn das erste Mal sah.
1926 heiratete sie meinen Großvater Oskar Klix. Sie bezogen eine kleine Wohnung in der Spreestraße in Berlin Schöneweide, ein und ein halbes Zimmer, Küche, Speisekammer und Innentoilette. Diese Wohnung bewohnten sie bis an ihr Lebensende.
Der herrschenden Arbeitslosigkeit wegen wurde verordnet, dass es keine Doppelverdiener geben solle. Von Ehepartnern durfte nur einer arbeiten gehen. Da mein Großvater mehr verdiente als meine Oma, entschieden sie, dass sie zu Hause bleiben solle. 1932 wurde ihre Tochter geboren. Sie blieb ihr einziges Kind.

Hier sind Lucie mit ihrem Mann Oskar und Lucies Eltern Anna und Karl zu sehen:

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Oskar war mit Ausbruch des zweiten Krieges am 1. September 1939 eingezogen worden. Auf den Straßen Berlins fuhren nun zwischen den Pferdefuhrwerken Autos und die meisten Haushalte hatten einen „Volksempfänger“. Dies war ein kleines würfelförmiges Radio, das noch lange Zeit nach dem Krieg bei meiner Oma in der Küche stand. Aus diesem Radio ertönten erst Geobbels und Hitlers Stimmen, nach dem Krieg dann hörte sie den Berliner Rundfunk. Lucie besuchte weder eine Kirche, noch trat sie einer Partei bei. Sie glaubte nicht an eine göttliche Macht und nicht an eine parteiliche.

Meine Oma war die einzige aus der Familie, die vom Krieg erzählte, von den vielen Nächten im Luftschutzkeller, von der Evakuierung aufs Land, vom Hunger und den Verwundeten auf den Straßen. Sie sammelte Melde und Brennnessel in den kleinen Parkanlagen an der Spree, um damit den Hunger etwas zu dämpfen. Die Bombenangriffe auf die Bevölkerung Berlins begannen 1941. Sie und ihre Tochter schliefen in Mänteln im Bett, um bei Bombenalarm schnell in den Luftschutzkeller rennen zu können.
Ihr Mann hatte ihr einen Plan gegeben, auf dem die Planquadrate von Berlin eingetragen waren, so dass sie am Radio sitzend hören konnte, wo die nächsten Angriffe zu erwarten waren. Nächtelang saß sie vor dem Radio, um die Bewohner ihres Hauses noch vor der Sirene warnen zu können. Schnell rannte sie dann von Tür zu Tür in der Nachbarschaft, um die Menschen zu wecken.
Als ihre Tochter krank wurde, lief sie zu Fuß durch ganz Berlin zu einem Kloster auf der anderen Seite der Stadt, weil sie sich dort Hilfe erhoffte. Helfen konnte man ihr dort nicht. Sie erhielt eine Mahlzeit und durfte nichts mitnehmen. Heimlich wickelte sie die Kartoffeln in die Salatblätter und steckte sie für die kranke Tochter in ihre Manteltasche.
Lucie fuhr wie viele andere aufs Land hamstern. Ihren Familienschmuck tauschte sie gegen Kartoffeln und Eier. Einmal seien ihr alle Kartoffeln, die sie unter dem Bett gelagert hatte, während der Nacht erfroren, erzählte sie. Heizen konnten sie nicht, da weder Holz noch Kohle zu haben waren und durch die zerplatzten Fensterscheiben die Kälte in die Wohnung drang.
Nach dem Krieg kamen die Russen. Frauen und Kinder versteckten sich in den Kellern, während die Russen oben die Wohnungen plünderten und mitnahmen, was ihnen gefiel. Lucie hatte ihre Tochter mit einer Freundin zusammen in einem Kinderbett versteckt. Ihr Gesicht hatte sie mit Asche bestrichen, damit sie von Vergewaltigungen verschont blieb. Als die Russen in die Keller kamen und nach jungen Frauen suchten, schauten sie ihr ins Gesicht und winkten dann ab, sie sei zu alt. Die Mädchen in dem Kinderbett blieben unentdeckt.

Von meiner Großmutter lernte ich sehr viel. Sie war die einzige aus der Familie, die etwas Licht in die dunkle Vergangenheit brachte, über die niemand sonst reden wollte. So wusste ich schon bevor ich in die Schule kam, dass die Verhältnisse veränderlich sind und nicht stabil. Auch wurde mir bewusst, dass Menschen in Notzeiten eher auf dem Land überleben können. Meine Oma legte den Grundstein dafür, dass ich heute einen Garten habe und auch sonst bestrebt bin, möglichst unabhängig zu leben. Auch das Vertrauen in gespartes Geld nahm sie mir, indem sie von der Geldabwertung (die sogenannte Währungsreform 1948) nach dem Krieg berichtete. Alles Geld, das sie und mein Opa für die Ausbildung ihrer Tochter gespart hatten, verlor damit an Wert und war verloren.

Insgesamt betrachtet, hatte meine Oma sehr viel Glück. Gemeinsam mit ihrem Mann führten sie eine lebendige und gleichberechtigte Beziehung. Nie erlebte ich Spannungen oder eine Verstimmung bei ihnen. Es gab klare Regeln und Arbeitsteilung, wobei mir schien, es war eher meine Oma, die diese Regeln vorgab.
Ihr Haus wurde nicht zerstört und ihr Mann kehrte unversehrt aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Nach dem Krieg hatten sie noch viele gute Jahre. Sie konnten das Leben führen, von dem sie vordem träumten. Beide liebten sie die Musik und die Natur. Häufig gingen sie zu Konzerten und in die Oper. Wenigstens zwei Mal im Jahr machten sie Urlaub auf dem Land. Dabei nahmen sie mich als kleines Kind manchmal mit. Ich liebte sie heiß und innig.